Damit entsteht ein klassischer wirtschaftlicher Zielkonflikt:
Verwendet Microsoft dieselbe knappe Infrastruktur für Xbox-Spieler oder für KI-Anwendungen, die möglicherweise höhere Margen versprechen?
Nach Cordens Informationen fällt diese Entscheidung momentan häufiger zugunsten von KI aus.
Ausgerechnet Cloud Gaming war einmal ein Kernstück der Xbox-Zukunft
Das ist deshalb bemerkenswert, weil Microsoft jahrelang eine völlig andere Geschichte erzählt hat.
Xbox sollte langfristig überall funktionieren:
auf Fernsehern, Smartphones, Tablets, schwachen PCs und mobilen Geräten – auch ohne klassische Konsole.
Xbox Cloud Gaming war ein zentraler Bestandteil dieser Strategie.
Microsoft brachte die Xbox-App unter anderem auf Fernseher von Samsung, LG und inzwischen TCL. Fire-TV-Geräte und Handhelds können ebenfalls als Cloud-Clients dienen.
Nur wenige Jahre später erhalten selbst Ultimate-Kunden nun gerade einmal 15 Stunden Cloud-Spielzeit pro Monat.
Das entspricht durchschnittlich etwa 30 Minuten pro Tag.
Für jemanden, der Cloud Gaming lediglich gelegentlich verwendet, dürfte das ausreichen.
Wer damit jedoch seine Xbox ersetzen möchte, stößt extrem schnell an die Grenze.
15 Stunden reichen kaum für ein modernes Singleplayer-Spiel
Genau daran stört sich auch Corden.
Viele aktuelle Spiele benötigen bereits für einen einzigen Durchgang deutlich mehr als 15 Stunden.
Wer beispielsweise ein RPG mit einer Spielzeit von 30 Stunden ausschließlich über Xbox Cloud Gaming spielt, müsste sein enthaltenes Ultimate-Kontingent bereits auf mindestens zwei Monate verteilen – oder zusätzliche Stunden kaufen.
Bei Titeln wie:
- großen Open-World-Spielen
- RPGs
- Multiplayer-Games
- Sportspielen
- langfristigen Service-Games
wirken 15 Stunden entsprechend ziemlich knapp.
Besonders problematisch ist das für Nutzer, die bewusst auf Cloud-Hardware gesetzt haben und keinen leistungsfähigen Gaming-PC oder keine Xbox Series besitzen.
Nur vier Prozent betroffen – aber genau diese Spieler nutzen Cloud intensiv
Microsoft versucht die Dimension der Änderung mit einer Zahl einzuordnen:
Nur ungefähr vier Prozent der Game-Pass-Abonnenten sollen die neuen Grenzen tatsächlich überschreiten.
Das klingt zunächst nach wenig.
Die Zahl sagt allerdings auch etwas anderes aus.
96 Prozent der Game-Pass-Nutzer verwenden Cloud Gaming offenbar weniger als fünf bis 15 Stunden im Monat oder überhaupt nicht.
Die vier Prozent, die betroffen sind, dürften dagegen überproportional häufig genau jene Nutzer sein, die Cloud Gaming tatsächlich als ernsthaften Ersatz für lokale Hardware betrachten.
Damit trifft das Limit ausgerechnet den Teil der Kundschaft, der Microsofts frühere „Play Anywhere“-Vision am konsequentesten genutzt hat.
GeForce NOW bietet bis zu 100 Stunden
Der Vergleich mit Nvidia macht Microsofts Grenze besonders auffällig.
Bei GeForce NOW Performance und Ultimate sind derzeit 100 Stunden Premium-Spielzeit pro Monat enthalten.
Bis zu 15 ungenutzte Stunden können sogar in den nächsten Monat übernommen werden.
Wer seine 100 Stunden verbraucht, kann ebenfalls zusätzliche Stunden kaufen oder anschließend mit den Einschränkungen des kostenlosen Zugangs weiterspielen.
| Dienst | Enthaltene monatliche Cloud-Zeit |
|---|---|
| Xbox Game Pass Essential | 5 Stunden |
| Xbox Game Pass Premium | 10 Stunden |
| Xbox Game Pass Ultimate | 15 Stunden |
| GeForce NOW Performance | 100 Stunden |
| GeForce NOW Ultimate | 100 Stunden |
Natürlich sind die Angebote nicht direkt identisch.
Game Pass enthält eine große Spielebibliothek, während GeForce NOW überwiegend bereits gekaufte kompatible PC-Spiele streamt.
Trotzdem zeigt die Differenz, wie aggressiv Microsoft die Cloud-Nutzung begrenzt.
Microsoft öffnet Cloud Gaming gleichzeitig für Nicht-Abonnenten
Paradoxerweise macht Microsoft Xbox Cloud Gaming zur gleichen Zeit in anderer Hinsicht offener.
Ab November soll es möglich werden, Cloud-Spielzeit separat zu kaufen, ohne zwingend ein Game-Pass-Abo abzuschließen.
Damit entwickelt sich das System stärker in Richtung Pay-as-you-go.
Spieler könnten also beispielsweise ein kompatibles Xbox-Spiel besitzen und lediglich die benötigte Streaming-Zeit bezahlen.
Aus Microsofts Perspektive ergibt das durchaus Sinn.
Statt Vielnutzer innerhalb eines pauschalen Abos praktisch unbegrenzt zu subventionieren, wird zusätzliche Serverzeit direkt monetarisiert.
Cloud Gaming wird damit weniger zu einem unbegrenzten Game-Pass-Bonus und mehr zu einem verbrauchsabhängigen Dienst.
Die eigentliche Änderung ist wirtschaftlicher als technischer Natur
Technisch entwickelt Microsoft Xbox Cloud Gaming sogar weiter.
Ultimate unterstützt inzwischen höhere Auflösungen und Bitraten, die Geräteunterstützung wächst und immer mehr Fernseher benötigen überhaupt keine Xbox mehr.
Gleichzeitig verändert sich aber das Geschäftsmodell.
Die alte Idee lautete:
Zahle dein Game-Pass-Abo und spiele überall.
Die neue Realität lautet eher:
Zahle dein Game-Pass-Abo, erhalte ein begrenztes Cloud-Kontingent und kaufe bei Bedarf weitere Rechenzeit.
Das ist eine ziemlich grundlegende Verschiebung.
KI verändert offenbar selbst Microsofts Gaming-Strategie
Der spannendste Teil der Geschichte reicht deshalb weit über Xbox hinaus.
Die gesamte Technologiebranche investiert momentan enorme Summen in KI-Infrastruktur. High-End-GPUs, RAM, Serverkomponenten, Stromanschlüsse und Rechenzentrumsflächen sind dadurch wertvoller denn je.
Wenn dieselbe Infrastruktur unterschiedliche Aufgaben übernehmen kann, müssen Unternehmen entscheiden, welche davon wirtschaftlich am attraktivsten ist.
Nach Cordens Informationen verliert Xbox diesen internen Wettbewerb momentan zumindest teilweise gegen Microsofts KI-Aktivitäten.
Das bedeutet nicht, dass Microsoft Xbox Cloud Gaming einstellt.
Im Gegenteil: Der Dienst wird weiter ausgebaut.
Aber das Unternehmen scheint nicht mehr bereit zu sein, sehr intensive Nutzung innerhalb eines normalen Game-Pass-Abos unbegrenzt mitzufinanzieren.
Die große Cloud-Gaming-Vision bekommt damit einen deutlichen Dämpfer
15 Stunden im Monat sind für eine Zusatzfunktion durchaus brauchbar.
Für eine Zukunft, in der Menschen ihre Spiele hauptsächlich aus der Cloud beziehen sollen, sind sie extrem wenig.
Genau darin liegt der Widerspruch.
Microsoft bringt Xbox auf immer mehr Bildschirme und ermöglicht Spielen ohne eigene Konsole – begrenzt gleichzeitig aber, wie lange Game-Pass-Abonnenten diesen Vorteil tatsächlich nutzen können.
Und sollte Cordens Bericht stimmen, ist der Grund nicht ausschließlich die klassische Frage, ob Cloud Gaming allein profitabel ist.
Xbox konkurriert inzwischen innerhalb des eigenen Mutterkonzerns mit einer Technologie, in die Microsoft wesentlich aggressiver investiert: künstliche Intelligenz.
Microsoft selbst spricht bislang lediglich von steigenden Infrastrukturkosten und wachsender Nutzung. Dass die Grenze ausgerechnet bei 15 Stunden liegt, bekommt durch Cordens Bericht aber eine neue Bedeutung: Offenbar ist genau dort der Punkt erreicht, an dem ein intensiver Cloud-Gaming-Nutzer für Microsoft wirtschaftlich weniger interessant wird – zumindest solange dieselbe Infrastruktur im KI-Boom anderweitig profitabler eingesetzt werden kann.

