In World of Warcraft: Midnight sorgt derzeit ein ungewöhnliches Phänomen für Diskussionen: Mehrere Spieler berichten, dass Charaktere nach einem Verbindungsabbruch nicht mehr einfach stehen bleiben, sondern selbstständig weiterlaufen, Fähigkeiten einsetzen und Gegner bekämpfen. Besonders auffällig ist, dass sich das Verhalten offenbar sogar durch ein absichtliches Schließen des Spiels reproduzieren lässt. Blizzard hat bislang weder bestätigt, dass es sich um eine neue Funktion handelt, noch eine entsprechende Änderung in den Patchnotes erwähnt.
Die Berichte häufen sich seit dem Start von Patch 12.1 „Curse of Ula’tek“, der am 11. August 2026 live gegangen ist. In der Community liegt deshalb eine Vermutung nahe: Blizzard könnte im Hintergrund eine bislang unangekündigte Disconnect-Sicherung testen, bei der vorhandene NPC-Technologie kurzfristig die Kontrolle über einen ausgefallenen Spieler übernimmt. Belegt ist diese Erklärung allerdings noch nicht.
Video zeigt Evoker, der nach dem Disconnect weiterkämpft
Der bislang deutlichste Beleg stammt vom Reddit-Nutzer Stuperstrong. In einem Video aus einer Mythic-0-Instanz ist zu sehen, wie der Evoker eines Gruppenmitglieds offenbar die Verbindung verliert. Zunächst verhält sich die Figur so, wie man es bei einem Disconnect erwarten würde. Kurz darauf beginnt der Charakter jedoch wieder, sich zu bewegen und Fähigkeiten einzusetzen.
Nach Angaben des Spielers war dies kein einmaliger Vorfall. Dasselbe Verhalten sei sowohl in King’s Rest als auch in Ruby Life Pools aufgetreten.
Noch interessanter ist ein später hinzugefügter Test: Die Gruppe ließ den betroffenen Spieler WoW gezielt mit Alt+F4 schließen. Trotzdem soll dessen Charakter anschließend weiter am Kampf teilgenommen haben. Damit wird zumindest die naheliegende Erklärung unwahrscheinlicher, dass lediglich verspätete Eingaben oder ein kurzzeitiges Netzwerkproblem für die Bewegungen verantwortlich waren.
Andere Spieler berichten von ähnlichen Fällen
Der Evoker ist offenbar nicht der einzige betroffene Charakter. Mehrere Nutzer schildern unter dem Beitrag vergleichbare Situationen.
Ein Spieler berichtet etwa von seinem Bruder, dessen WoW-Client während eines Bosskampfes komplett eingefroren sei. Während der Spieler über Discord erklärte, wie er das Spiel beendete und sich erneut anmeldete, blieb sein Warrior zunächst stehen. Rund 30 Sekunden später habe die Figur plötzlich den Boss angegriffen und selbstständig weitergekämpft.
Ein weiterer Nutzer will einen Hunter in einer Mythic-0-Instanz erlebt haben, der nach einem Disconnect weiter durch die Arena sprang und am Kampf teilnahm. Ein anderer Spieler berichtet von einem seltenen Gegner, der während seiner Abwesenheit besiegt wurde – nach der Rückkehr seien Fähigkeiten auf Cooldown gewesen, die vor dem Disconnect noch verfügbar gewesen seien.
Besonders interessant ist zudem der Bericht eines Protection-Paladin-Spielers. Er behauptet, ein ähnliches Verhalten bereits auf dem PTR gesehen zu haben: Nach einem Disconnect habe der Charakter unter anderem defensive Fähigkeiten wie Divine Shield und Guardian of Ancient Kings eingesetzt, bis der aktuelle Pull beendet gewesen sei. Auch das ist allerdings bislang lediglich eine Community-Aussage.
Nutzt Blizzard die Technik der Follower Dungeons?
Die derzeit populärste Erklärung ist eine Art Disconnect Protection.
World of Warcraft besitzt bereits ein System, mit dem computergesteuerte Gruppenmitglieder Dungeon-Inhalte absolvieren können. In sogenannten Follower Dungeons begleiten NPCs den Spieler, übernehmen klassische Tank-, Heiler- und Schadensrollen und reagieren selbstständig auf Kampfsituationen. Blizzard arbeitet weiterhin aktiv an dieser Technik und hat die Stärke der Follower beispielsweise noch im April 2026 angepasst.
Technisch wäre daher zumindest vorstellbar, dass Blizzard Teile dieses Systems nutzt, um kurzfristig einen echten Spielercharakter zu steuern, sobald dessen Verbindung abbricht.
Genau das ist derzeit jedoch nur eine Theorie.
Blizzard hat nicht bestätigt, dass Follower-Code die Kontrolle über getrennte Spieler übernimmt. Ebenso wenig ist bekannt, ob es sich um ein experimentelles Feature, einen unbeabsichtigten Nebeneffekt oder einen Fehler handelt.
In Patch 12.1 findet sich kein Hinweis auf die Funktion
Ein Blick in die offiziellen Änderungen macht das Rätsel noch interessanter. Blizzard veröffentlichte umfangreiche Patchnotes zu „Curse of Ula’tek“, erwähnt darin aber keine neue Funktion, bei der Charaktere nach einem Disconnect automatisch weitergespielt werden.
Auch in den aktuellen Hotfixes vom 13. und 14. August taucht keine entsprechende Änderung auf. Blizzard beschäftigt sich dort zwar durchaus mit Disconnect-Problemen – unter anderem wurde ein Fehler behoben, durch den Spieler beim Betreten eines bestimmten Bereichs der Lunarfall Garrison die Verbindung verlieren konnten –, von einer automatischen Übernahme des Charakters ist jedoch keine Rede.
Inzwischen ist das Thema auch im offiziellen World-of-Warcraft-Forum angekommen. Dort diskutieren Spieler darüber, ob Blizzard tatsächlich eine neue Schutzfunktion testet und welche Folgen diese haben könnte. Eine offizielle Antwort eines Blizzard-Mitarbeiters ist in dem entsprechenden Thread derzeit nicht zu finden.
Eine Disconnect-Sicherung hätte durchaus Vorteile
Sollte es sich tatsächlich um eine geplante Funktion handeln, wäre der Nutzen gerade in Dungeons offensichtlich.
Ein kurzer Internet-Ausfall kann bei schwierigeren Begegnungen bislang bedeuten, dass eine Gruppe plötzlich nur noch mit vier Spielern weitermachen muss. Besonders problematisch ist das, wenn Tank oder Heiler die Verbindung verlieren.
Eine automatisierte Übergangslösung könnte den betroffenen Charakter zumindest für eine begrenzte Zeit weiterkämpfen lassen, bis sich der Spieler erneut einloggt. Das vorhandene Follower-System würde dafür grundsätzlich eine passende technische Grundlage bieten.
Gleichzeitig würden sich neue Fragen stellen: Wie lange darf die Automatisierung übernehmen? Welche Fähigkeiten darf sie einsetzen? Bekommen Spieler weiterhin Belohnungen, wenn ihr Charakter längere Zeit vom System kontrolliert wurde? Und ließe sich die Funktion absichtlich ausnutzen, indem Spieler ihre Verbindung trennen und ihren Charakter vom Spiel steuern lassen?
Noch kennen wir auf keine dieser Fragen eine Antwort.
Fest steht bislang lediglich, dass mehrere voneinander unabhängige Spieler ein sehr ähnliches Verhalten beobachten und zumindest der ursprüngliche Fall gezielt mit Alt+F4 reproduziert worden sein soll. Ob Blizzard hier tatsächlich heimlich an einer neuen Disconnect-Sicherung arbeitet oder Patch 12.1 einen ungewöhnlichen Fehler mitgebracht hat, muss der Entwickler noch erklären.

