Ein Videoausschnitt aus Valorant sorgte am Wochenende für Aufsehen. Darin räumt ein Spieler mit dem Modell einer bekannten Internetfigur ganze Teams innerhalb von Sekunden ab, während er rückwärts läuft und scheinbar ins Leere schießt. In den Kommentaren galt der Clip schnell als Beleg dafür, dass Riots Anti-Cheat-System Vanguard versagt.
Diese Schlussfolgerung ist falsch. Der betreffende Account war zum Zeitpunkt der Verbreitung bereits seit fast einer Woche gesperrt.
Evil Tung activities | #VALORANT pic.twitter.com/wQaPMF7TxD
— Valorant Tactic (@valorantactic) September 9, 2026
Was auf dem Video zu sehen ist
Aufgenommen wurde der Ausschnitt offenbar aus der Perspektive des Cheaters selbst. Anstelle der üblichen Waffenansicht erscheint das Modell einer düsteren Variante von Tung Tung Tung Sahur, einer KI-generierten Holzfigur, die 2025 als sogenanntes Brainrot-Meme bekannt wurde und seither in Fortnite und Roblox auftauchte.
Spielerisch relevanter ist der Rest: Gegner sind als Silhouetten durch Wände sichtbar, farbige Ziellinien ziehen sich über die Karte, und die Gegner fallen um, ohne dass erkennbar auf sie gezielt wird. Das entspricht dem klassischen Zusammenspiel aus Wallhack und automatischer Zielerfassung.
Verbreitet wurde das Material über das Konto Valorant Tactic. Der Analyst vladk0r griff es auf und stellte es ausdrücklich als Seitenhieb gegen Vanguard in den Raum.
Riot hatte den Account längst gesperrt
Phillip Koskinas, bei Riot für Anti-Cheat zuständig, reagierte am 9. September und legte die Daten offen.
| Angabe | Detail |
|---|---|
| Sperrdatum | 3. September 2026 |
| Gespielte Partien bis zur Sperre | 3 |
| Verwendeter Cheat | von Riot als „Sysinfo“ benannt |
| Riot ID | von Riot öffentlich genannt |
| Zeitpunkt der viralen Verbreitung | 9. September, also sechs Tage nach der Sperre |
Zum Verbergen der Riot ID merkte Koskinas an, das sei zwecklos. Die entscheidende Aussage folgte danach: Man könne mit ausreichend Zeit alles erkennen, Valorant sei allerdings ein kostenloses Spiel. Bei offenen Qualifikationsturnieren müsse man vorbeugend besser werden.
Das ist ungewöhnlich offen für ein Unternehmen in dieser Lage, und es benennt den tatsächlichen Schwachpunkt präziser als die Kritik es tat.
Der Schwachpunkt liegt woanders
Drei Partien bis zur Sperre sind für ein Ranglistenspiel eine vertretbare Reaktionszeit. Für ein Turnier sind sie es nicht.
Genau darauf zielte auch die Kritik eines Nutzers, der sinngemäß fragte, was es einem Team nütze, wenn der Gegner erst mehrere Runden später gesperrt werde. In einem Ausscheidungsformat wäre der Schaden dann längst angerichtet.
Weil Valorant kostenlos ist, kostet ein gesperrter Account praktisch nichts. Wer erwischt wird, legt einen neuen an. Das ist keine Schwäche der Erkennung, sondern eine Folge des Geschäftsmodells, und deshalb setzt Koskinas ausdrücklich bei der Vorbeugung an, nicht bei der Erkennung.
Warum die Debatte gerade jetzt hochkocht
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Riot hat angekündigt, die VCT im kommenden Jahr stärker online auszutragen. Bereits am 8. September äußerte sich Leo Faria von Riot zu den Bedenken hinsichtlich der Wettbewerbsintegrität und kündigte weitere Schutzmaßnahmen an. Sein Hinweis: Online bedeute nicht anonym.
Hinzu kommt eine Entwicklung, die Riot selbst einräumt. Das Unternehmen sieht sich mit mehr Cheat-Werkzeugen konfrontiert als je zuvor, weil KI-gestützte Programmierhilfen deren Erstellung deutlich vereinfachen. Riots Antwort darauf lautet, nicht jedes einzelne Programm erkennen zu wollen, sondern die Methoden, mit denen Cheats in ein System eingeschleust werden.
Was Vanguard kann und was es kostet
Vanguard läuft seit April 2020 auf Kernel-Ebene, also mit weitreichenden Systemrechten, und wurde im April 2024 auch in League of Legends eingeführt. Für genau diese Eingriffstiefe steht das System seit Jahren in der Kritik. Riot hat inzwischen einen optionalen Modus nachgereicht, der Vanguard nur bei Bedarf aktiviert.
Dass die Methode wirkt, zeigte sich im Mai 2026 bei Hardware-Cheats über Direct Memory Access. Dabei liest eine zusätzliche Steckkarte den Spielspeicher von außen aus, was Softwareerkennung umgeht und Anwender mehrere tausend Euro kostet. Vanguard erkennt diese Karten inzwischen und blockiert den Systemstart, solange sie verbaut sind. Riot kommentierte das seinerzeit mit einem Spott über teure Briefbeschwerer.
Was der Fall tatsächlich zeigt
Für Vanguard spricht: Der Cheater war nach drei Partien weg, und Riot konnte im Nachhinein Sperrdatum, Partienzahl und verwendetes Werkzeug benennen. Das ist keine Bilanz eines überforderten Systems.
Gegen Vanguard spricht: Ein sechs Tage alter Clip reicht aus, um die Wahrnehmung zu drehen, weil die Sperre unsichtbar bleibt und der Cheat-Clip nicht. Riot gewinnt technisch und verliert kommunikativ.
Und die eigentliche Baustelle bleibt bestehen. Solange Konten nichts kosten und Qualifikationsturniere offen sind, verschiebt jede Verbesserung der Erkennung das Problem nur um ein paar Partien. Dass Riots eigener Anti-Cheat-Chef genau das öffentlich einräumt, ist bemerkenswerter als jeder Videoausschnitt.

