Bei Twitch sorgt eine neue Datenschutzoption für deutliche Kritik. Die Streaming-Plattform erlaubt ihrer Muttergesellschaft Amazon, Inhalte von Twitch-Kanälen zum Training generativer KI-Modelle zu verwenden. Betroffen sein können unter anderem Livestreams, VODs, Clips, Stream-Chats sowie Bilder und Texte auf einem Kanal. Besonders umstritten ist die Umsetzung: Die entsprechende Einstellung ist standardmäßig aktiviert, Nutzer müssen der Verwendung ihrer Inhalte also aktiv widersprechen.
Twitch hat inzwischen erklärt, wie sich die Freigabe abschalten lässt. Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen. Selbst Twitch-Produktchef Mike Minton konnte nach eigener Aussage nicht beantworten, ob und in welchem Umfang Amazon bereits vor Einführung der neuen Einstellung Twitch-Inhalte für das Training eigener Modelle verwendet hat.
Amazon kann Streams, Clips und Chats fürs KI-Training verwenden
Twitch machte die neue Einstellung am 12. August über seinen offiziellen Support-Account auf X öffentlich. Dort erklärte das Unternehmen, eine Option eingeführt zu haben, über die Nutzer die Verwendung ihrer Kanalinhalte für das Training generativer KI-Modelle innerhalb von Amazon deaktivieren können.
Die Formulierung ist entscheidend: Twitch kündigte nicht zunächst ein neues KI-Trainingsprogramm an, bei dem Nutzer ihre Zustimmung geben können. Stattdessen wurde eine Möglichkeit vorgestellt, sich von einer bereits standardmäßig erlaubten Nutzung abzumelden.
Laut Twitch können bei aktivierter Einstellung unter anderem folgende Inhalte berücksichtigt werden:
- Livestreams
- VODs
- Clips
- Stream-Chats
- Bilder auf dem Kanal
- Texte und andere Kanalinhalte
Twitch beschreibt den Zweck als Training beziehungsweise zukünftige Verbesserung generativer Amazon-KI-Modelle, die Inhalte wie Text, Audio, Bilder oder Video erzeugen beziehungsweise synthetisieren können.
Für eine Plattform, deren Kerngeschäft aus stundenlangem Audio- und Videomaterial besteht, ist das eine potenziell enorme Datenmenge.
„Wenn es Opt-in wäre, würde niemand zustimmen“
Für den größten Wirbel sorgte allerdings eine Aussage von Mike Minton, Chief Product Officer bei Twitch.
Während eines offiziellen Twitch-Streams wurde er gefragt, warum das Unternehmen die Nutzung nicht als Opt-in gestaltet – Nutzer also erst ausdrücklich zustimmen müssen.
Mintons Antwort fiel ungewöhnlich offen aus. Sinngemäß erklärte er, dass bei einem Opt-in vermutlich niemand teilnehmen würde. Genau deshalb habe man sich für das gegenteilige Modell entschieden.
Diese Aussage dürfte die Kritik eher verstärkt haben. Denn damit räumte ein führender Twitch-Manager selbst ein, dass dem Unternehmen bewusst ist, wie gering die freiwillige Bereitschaft vieler Streamer zur Bereitstellung ihrer Inhalte für generative KI sein dürfte.
Auch Twitch Head of Community Mary Kish machte während des Streams keinen Versuch, die Reaktion schönzureden. Sie erklärte, man erwarte nicht, dass die Community über die Entscheidung erfreut sei. Im Chat des Streams gab es entsprechend deutlichen Widerstand.
So lässt sich das KI-Training bei Twitch deaktivieren
Wer nicht möchte, dass eigene Kanalinhalte für dieses generative KI-Training bei Amazon eingesetzt werden, kann die Einstellung deaktivieren.
Dazu führt der Weg bei Twitch über:
Profilbild → Einstellungen → Sicherheit und Datenschutz → Training für generative KI
Dort lässt sich die entsprechende Freigabe ausschalten.
Twitch weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass diese Einstellung nur eine bestimmte Form der KI-Nutzung betrifft.
Das Abschalten verhindert demnach, dass die eigenen Kanalinhalte für zukünftiges Training von Amazon-Modellen verwendet werden, deren Zweck die Generierung beziehungsweise Synthese von Text, Audio, Bildern oder Video ist. Andere Formen der Datenverarbeitung durch Twitch und Amazon bleiben davon unberührt.
Dazu gehören beispielsweise KI-gestützte Twitch-Funktionen für Empfehlungen, Moderation, Untertitel oder Unterstützung bei Sponsoring-Kampagnen. Twitch nennt unter anderem AutoMod als Beispiel.
Auch fremde Twitch-Chats können eine Rolle spielen
Eine Besonderheit betrifft den Chat.
Wer die Einstellung für den eigenen Kanal deaktiviert, verhindert damit nicht automatisch jede mögliche Verwendung eigener Chat-Nachrichten.
Schreibt ein Nutzer im Stream eines anderen Creators, gelten laut Twitch für diesen Chat die Einstellungen des jeweiligen Kanalbetreibers. Hat dieser das KI-Training nicht deaktiviert, kann der dortige Chat nach Twitchs Beschreibung weiterhin in den entsprechenden Datenbestand einfließen.
Das macht die Kontrolle komplizierter als einen einfachen globalen Opt-out-Schalter für den eigenen Account.
Twitch selbst trainiert laut Support keine generative KI mit den Streams
Für zusätzliche Verwirrung sorgte die Kommunikation darüber, wer die Modelle eigentlich trainiert.
Twitch Support stellte klar, dass Twitch selbst keine generativen KI-Modelle auf Basis der Streamer-Inhalte trainiere. Die neue Einstellung beziehe sich vielmehr auf generative KI-Modelle von Amazon.
Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Twitch gehört zwar vollständig zu Amazon, ist innerhalb des Konzerns aber eine eigene Plattform. Die offizielle Einstellung spricht ausdrücklich davon, Kanalinhalte für generative KI-Modelle „at Amazon“ freizugeben.
Eine präzisere Beschreibung lautet deshalb: Twitch stellt beziehungsweise erlaubt die Nutzung bestimmter Inhalte für generative KI-Trainingsvorhaben innerhalb von Amazon.
Niemand bei Twitch konnte sagen, was Amazon bereits genutzt hat
Eine der wichtigsten offenen Fragen betrifft die Vergangenheit.
Während der Diskussion wurde Minton gefragt, ob Twitch-Streams möglicherweise bereits vor Einführung des neuen Opt-out-Schalters in KI-Trainingsdaten von Amazon eingeflossen seien.
Darauf konnte der Twitch-Produktchef keine definitive Antwort geben. Er erklärte, nicht zu wissen, welche Daten Amazon für frühere Modelltrainings verwendet oder nicht verwendet habe, da er für diese Trainingsprogramme nicht verantwortlich sei.
Deshalb wäre auch die Aussage falsch, Twitch habe nun bestätigt, dass alle bisherigen Streams bereits zum KI-Training verwendet wurden.
Bestätigt ist lediglich, dass Kanalinhalte bei aktivierter Einstellung für zukünftiges Training generativer Amazon-Modelle genutzt werden können. Wie weit eine solche Nutzung bereits zurückreicht, ist derzeit öffentlich nicht geklärt.
Kritik gibt es auch an der Kommunikation
Nicht nur die eigentliche Entscheidung sorgt für Unmut.
Die Ankündigung erfolgte über Twitch Support auf X und nicht zunächst über einen großen Beitrag im Twitch-Blog oder eine prominent platzierte Mitteilung an sämtliche Streamer. Mehrere Medien kritisieren deshalb, dass viele Nutzer den neuen Schalter möglicherweise gar nicht bemerkt hätten.
Besonders ungünstig wirkt dabei das Zusammenspiel aus geringer Sichtbarkeit und standardmäßig aktivierter Einstellung: Wer die Änderung nicht mitbekommt, muss nichts tun – und bleibt damit automatisch für das entsprechende Training freigeschaltet.
Wie groß der Widerstand in Teilen der Community ist, zeigt auch ein Twitch-UserVoice-Thema zu KI-Funktionen, das inzwischen Tausende Unterstützer gesammelt hat.
Was bedeutet das für gestreamte Spiele?
Gerade für Gaming-Streamer ist die Situation komplizierter, als es zunächst klingt.
Ein Twitch-Stream enthält schließlich nicht nur das Werk des Streamers selbst. Im Bild können große Teile eines urheberrechtlich geschützten Spiels zu sehen sein. Dazu kommen möglicherweise Musik, Grafiken, Videos, Nutzerbeiträge, Overlays oder andere Inhalte Dritter.
Die aktuelle Twitch-Einstellung regelt zunächst, ob Kanalinhalte über Twitch für das generative KI-Training bei Amazon bereitgestellt werden können. Sie beantwortet jedoch nicht automatisch sämtliche rechtlichen Fragen rund um die Rechte an jedem einzelnen Bestandteil eines Streams.
Deshalb geht die Behauptung zu weit, Amazon habe durch den neuen Schalter automatisch freie Hand erhalten, sämtliche auf Twitch gezeigten Spiele für die Entwicklung eigener KI-Games auszuwerten.
Dafür gibt es aktuell auch keinen Beleg.
Amazon verfügt zwar selbst über Gaming-Aktivitäten und investiert stark in generative KI, doch Twitch oder Amazon haben nicht angekündigt, Twitch-Gameplay gezielt zu verwenden, um daraus neue Videospiele zu generieren. Eine solche Verbindung bleibt derzeit Spekulation.
Warum das Thema für Streamer trotzdem relevant ist
Die eigentliche Kontroverse ist auch ohne solche Spekulationen erheblich.
Streamer produzieren häufig mehrere Stunden täglich Material, das Sprache, Gesicht, Reaktionen, Gameplay und Community-Interaktionen enthält. Twitch ermöglicht nun ausdrücklich, dass zumindest Teile dieses Materials für zukünftige generative Modelle innerhalb des Amazon-Konzerns verwendet werden können.
Gleichzeitig hat Twitch die Entscheidung nicht als freiwilliges Opt-in umgesetzt. Wer keine Verwendung für diesen Zweck möchte, muss selbst aktiv werden.
Dass Mike Minton offen einräumte, ein echtes Opt-in würde vermutlich kaum jemand nutzen, bringt die Debatte dabei ziemlich genau auf den Punkt: Twitch weiß, dass viele Creator ihre Streams nicht freiwillig als Trainingsmaterial anbieten würden – und hat sich trotzdem für eine standardmäßig aktive Freigabe entschieden.

