Tomb Raider: Legacy of Atlantis soll Lara Crofts erstes Abenteuer von 1996 nicht einfach nachbauen, sondern umfassend neu interpretieren. Eine aktuelle Hands-off-Präsentation auf der Gamescom zeigt inzwischen deutlicher, was Crystal Dynamics und Flying Wild Hog darunter verstehen: Die klassischen Schauplätze werden erheblich größer und detaillierter, während Skilltree, Crafting, Scanner und neue Kampfmechaniken das ursprüngliche Spiel modernisieren.
Gerade diese Erweiterungen sorgen allerdings nicht überall für Begeisterung. GameSpot zeigt sich nach einer Präsentation des Griechenland-Abschnitts skeptisch und kritisiert, dass einige der neuen Systeme bislang eher aufgesetzt als notwendig wirken. Die optische Neuinterpretation wird dagegen ausdrücklich gelobt.
Crystal Dynamics selbst beschreibt Legacy of Atlantis als komplette Neuinterpretation des Originals mit modernerem Game Design und neuen Überraschungen, die gleichzeitig Atmosphäre und Grundidee des ersten Tomb Raider erhalten soll.
St. Francis’ Folly wird deutlich größer
Besonders stark fällt die Neugestaltung der Umgebungen auf. Während Crystal Dynamics während einer früheren Gamescom-Präsentation bereits das Lost Valley in Peru ausführlich gezeigt hatte, stand bei der GameSpot-Demonstration St. Francis’ Folly in Griechenland im Mittelpunkt.
Zu sehen war unter anderem der bekannte Damokles-Raum. Die riesigen Schwerter an der Decke, die im Original zu den Fallen des Levels gehören, sind weiterhin vorhanden, wurden jedoch wesentlich aufwendiger inszeniert.
Experience Director Jeff Adams beschreibt den Ansatz dahinter so: Die Entwickler wollen die Elemente erhalten, durch die Spieler einen Ort sofort wiedererkennen, gleichzeitig aber neue Herausforderungen und Überraschungen schaffen.
Genau diesen Ansatz hatte Crystal Dynamics bereits bei der Vorstellung des Lost Valley erläutert. Räume, die 1996 noch weitgehend voneinander getrennt waren, werden teilweise zu größeren zusammenhängenden Bereichen verbunden und können aus neuen Perspektiven erkundet werden.
Lara kann die Schwerter von Damokles abschießen
Bei der Modernisierung geht das Team allerdings über reine Levelarchitektur hinaus.
Die Schwerter von Damokles können beispielsweise bereits von der Decke geschossen werden, bevor sie später zur Gefahr für Lara werden. Dafür stehen ihr neue Fähigkeiten aus einem Skilltree zur Verfügung.
Eine davon trägt den Namen Dead Eye und unterstützt Lara dabei, weiter entfernte Ziele zu treffen.
Genau hier setzt die Kritik aus der Gamescom-Preview an. Da Lara ohnehin als erfahrene Abenteurerin dargestellt wird, wirke eine eigene Fähigkeit für einen vergleichsweise einfachen Schuss zunächst unnötig. Weil die Präsentation nicht selbst spielbar war, ließ sich jedoch noch nicht beurteilen, wie groß der tatsächliche Unterschied mit und ohne Fähigkeit ausfällt.
Crafting kehrt zurück
Deutlich weiter entfernt vom Tomb Raider von 1996 ist das neue Crafting-System.
Während der Präsentation sammelt Lara Ressourcen und stellt daraus unter anderem einen Heilbalsam her. Später sollen weitere Rezepte folgen, die beispielsweise kurzfristigen Schutz gegen bestimmte Schadensarten oder Fallen gewähren.
Crafting war bereits ein wichtiger Bestandteil der Survivor-Trilogie rund um Tomb Raider von 2013, Rise of the Tomb Raider und Shadow of the Tomb Raider.
Für Legacy of Atlantis stellt sich deshalb die Frage, wie stark diese Systeme in das klassische Abenteuer integriert werden.
Die GameSpot-Autorin kritisiert insbesondere die Gefahr, dass Spieler vor einer Heilung erst Materialien sammeln und Gegenstände herstellen müssen. Ob dieses System im fertigen Spiel tatsächlich einen größeren Teil der Erfahrung bestimmt, lässt sich anhand der bisherigen Präsentation allerdings noch nicht sagen.
Dass das neue Spiel wesentlich umfangreicher als das Original werden soll, hat Crystal Dynamics bereits zuvor bestätigt. Das Team spricht von gezielten Möglichkeiten, bestehenden Levels zusätzliche Tiefe zu geben, statt die Spielzeit lediglich künstlich zu verlängern.
Der Scanner könnte Tomb Raiders Rätsel deutlich verändern
Eine weitere Neuerung dürfte unter langjährigen Fans besonders diskutiert werden: Lara besitzt einen Scanner.
Das Werkzeug kann relevante Informationen in der Umgebung hervorheben und dadurch bei Rätseln helfen. Während der Präsentation wurde beispielsweise ein verschlossenes Tor untersucht, bei dem anschließend angezeigt wurde, dass vier entsprechende Schlüssel benötigt werden.
Der Vergleich mit Detective Mode aus Batman: Arkham oder Eagle Vision aus Assassin’s Creed liegt nahe.
Crystal Dynamics betont allerdings, dass die eigentliche Hilfsfunktion optional ist. Spieler, die Rätsel selbst lösen möchten, sollen nicht gezwungen werden, sich den Weg anzeigen zu lassen.
Darüber hinaus besitzt der Scanner noch eine zweite Funktion. Lara kann damit historische Informationen und zusätzliche Lore über ihre Umgebung abrufen. Dieser Teil dient ausschließlich der Welt und soll keine Lösung für Rätsel liefern.
Auch bei der Gamescom-Demonstration in Peru wurde der Scanner bereits als Werkzeug beschrieben, das sowohl optionale Hinweise als auch zusätzliche Informationen über die Spielwelt liefern kann.
Gegner verhalten sich weniger vorhersehbar
Nicht nur Lara erhält zusätzliche Möglichkeiten.
Crystal Dynamics überarbeitet auch die Gegner des Originals. Fledermäuse greifen beispielsweise nicht mehr ausschließlich nach einem einfachen festen Muster an. Raubtiere können sich zurückziehen, Lara umgehen und anschließend aus einer anderen Richtung angreifen.
Bei der GameSpot-Präsentation war unter anderem ein Leopard zu sehen, der Lara zunächst auswich und anschließend versuchte, sie aus dem Hinterhalt zu attackieren.
Bereits die vorherige Gamescom-Vorführung hatte gezeigt, dass auch die bekannten Raptoren und der T-Rex aus dem Lost Valley deutlich komplexere Kämpfe bekommen. Crystal Dynamics verbindet damit das Ziel, bekannte Begegnungen wiedererkennbar zu halten, ohne ihren exakten Ablauf von 1996 zu kopieren.
Relikte schalten klassische Lara-Outfits frei
Wesentlich positiver aufgenommen wurden die zusätzlichen Sammelgegenstände.
Lara kann sogenannte Relikte entdecken, die teilweise kosmetische Belohnungen freischalten. In der gezeigten Version findet sie beispielsweise die Athenian Owl.
Als Belohnung wird ein Outfit aus Tomb Raider: Legend freigeschaltet.
Die Kostüme können anschließend über Laras PDA gewechselt werden. Damit nutzt Crystal Dynamics die Collectibles gleichzeitig, um auf andere Epochen der mehr als 30 Jahre alten Reihe zu verweisen.
So stark unterscheidet sich Legacy of Atlantis vom Original
| Bereich | Tomb Raider 1996 | Legacy of Atlantis |
|---|---|---|
| Leveldesign | klar getrennte Bereiche | größere, stärker verbundene Areale |
| Grafik | klassische 3D-Grafik | Unreal Engine 5 |
| Fähigkeiten | kein moderner Skilltree | Skilltree mit neuen Fähigkeiten |
| Crafting | nicht vorhanden | Heilung und temporäre Boni |
| Rätselhilfe | keine | optionaler Scanner |
| Gegner | einfachere Muster | überarbeitete Verhaltensweisen |
| Sammelobjekte | klassische Secrets | zusätzliche Relikte und Outfits |
Damit wird zunehmend deutlich, warum Crystal Dynamics selbst lieber von einer Reimagining als von einem klassischen Remake spricht.
Es handelt sich nicht um Tomb Raider von 1996 mit moderner Grafik. Das ursprüngliche Abenteuer dient vielmehr als Fundament für ein Action-Adventure, das viele Systeme der späteren Reihe übernimmt und zusätzlich neue Mechaniken einführt.
Release erfolgt im Februar 2027
Tomb Raider: Legacy of Atlantis erscheint am 12. Februar 2027 für PlayStation 5, Xbox Series X|S, PC und Nintendo Switch 2. Entwickelt wird das Spiel gemeinsam von Crystal Dynamics und Flying Wild Hog.
Die neue Präsentation zeigt dabei ziemlich genau die Gratwanderung, vor der das Projekt steht. Optisch und beim Aufbau der klassischen Schauplätze scheint die Neuinterpretation deutlich ambitionierter zu werden als eine gewöhnliche Modernisierung. Gleichzeitig muss Crystal Dynamics beweisen, dass Skilltree, Crafting und Scanner das klassische Tomb-Raider-Design tatsächlich sinnvoll erweitern.
Die Gamescom-Demo beantwortet diese Frage noch nicht. Sie macht aber deutlich, dass Legacy of Atlantis wesentlich stärker vom Original abweichen wird, als die bekannte Geschichte und die vertrauten Schauplätze zunächst vermuten lassen.



