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Fragster | Januar 2, 2022

Shitstorm nach John Madden’s Tod – Hat er Gehirntrauma verherrlicht?

Wie wir vor kurzem berichtet haben, ist NFL-Kommentator und Esports Legende John Madden verstorben. Jetzt sind kurz nach seinem Tod Diskussionen über die Verharmlosung von Verletzungen der Spielfiguren in Videospielen aufgetaucht. Klingt ganz nach den Zeiten in denen man “Ballerspiele” für Amokläufe in Schulen verantwortlich gemacht hat. Wir haben uns das mal näher angeschaut.

Vor wenigen Tagen erreichte uns die traurige Nachricht, dass John Madden im Alter von 85 Jahren unerwartet gestorben ist. John Madden war eines der bekanntesten Gesichter sowohl im echten Sport als auch im Esport. Nach ihm ist auch das Videospiel von “Madden NFL Football” benannt, in dem er auch öfter als Kommentator zu sehen war.

Während die Fans noch um ihn trauern, wurden Diskussionen laut, die Madden versuchten in ein schlechtes Licht zu rücken. Alles fing damit an, dass Leute dem toten Madden vorwarfen, er hätte Kopfverletzungen und Gehirn-Trauma durch seine Videospiele “verherrlicht”.

Journalistin und Professor kritisieren toten Madden

Die Diskussion kam durch einen Tweet von einer Journalistin namens Marcy Wheeler ins Rollen, der wie folgt lautet: “Alle, die Madden loben: Wie viele Gehirnerschütterungen hätten wir verhindern können, wenn er Gehirnverletzungen nicht in ein Videospiel verwandelt hätte?”

Tja Marcy, hätten wir wirklich im echten Sport weniger Gehirnerschütterungen wenn Madden nicht sein Videospiel rausgebracht hätte?

Marcy Wheeler hat selber mal Rugby gespielt, wo es bekanntermaßen ja auch ziemlich hart zugeht. Und anscheinend hatte sie sich dabei eine Gehirnerschütterung geholt. Außerdem war sie wohl traumatisiert worden, nachdem sie sah, wie ein weiterer Rugby Spieler noch auf dem Feld starb. Beides sind auf jeden Fall schwerwiegende Erlebnisse, die sie mit Sicherheit ganz schön mitgenommen haben.

Andererseits weiß man in der Regel worauf man sich einlässt wenn man Rugby, Fußball, Boxen oder einen ähnlichen körperlichen Kontakt-Sport anfängt. Gleiches gilt, wenn man sich freiwillig in der Armee meldet oder irgendeinem anderen “gefährlicheren” oder risikoreicheren Beruf nachgeht.

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Abb.: Gleich fliegt der Controller durch die Gegend und es gibt eine Gehirnerschütterung Quelle: Twitter @EAMAddenNFL

Auf den Tweet von Wheeler hat dann noch ein Geschichtsprofessor namens Dr. Andrew McGregor vom Dallas College einen draufgelegt, indem er schrieb: “Ich habe eine Menge Meinungen zu John Madden. Die Entwicklung des Madden-Videospiels war keine gute Entwicklung für die USA. Es verherrlichte Gewalt und entmenschlichte schwarze Sportler und trug dazu bei, ein Plantagen-Cosplay zu etablieren, das in der Ära des Fantasy-Footballs noch schlimmer geworden ist.”
Allerdings ging er nicht darauf ein warum das Spiel ausgerechnet schwarze Sportler entmenschlichen sollte, weil alle möglichen Nationalitäten und Hautfarben sowohl bei der NFL als auch im Spiel vertreten sind.

Aber McGregor war nicht zu stoppen: “Der Schlüssel dazu ist der Konsum des Sports als verzerrte Realität. Videospiele entmenschlichen die Spieler, sie schaffen Fantasien von Superteams und Vorstellungen von Kontrolle und Management (die im Fantasiesport nachgeahmt werden), bei denen wir die Teams und Spieler kontrollieren und manipulieren. Das ist äußerst problematisch.”

Der Tweet fand jede Menge Zuspruch – aber noch mehr Backlash. Man muss sagen, dass es stimmt, dass diese Schädelverletzungen im Sport zu großen Problemen führen können. Vor allem wenn sie mehrmals auftreten. Dann kann es unter anderem zu Depressionen, Aggression, Gedächtnisverlust und Parkinson kommen.

Aber was hat das alles mit Videospielen zu tun?

Marcy Wheeler sagt dazu: “Ich glaube, die Videospiele haben die Fans dazu verleitet, den echten Sport für ein Videospiel zu halten.”

Und das klingt doch alles nach der uralten Diskussion ob “Ballerspiele” sowas wie School-Shooting etc. auslösen. Kurzum es werden mal wieder Videospiele für die Probleme aus dem “echten” Leben verantwortlich gemacht – wobei man vielleicht einfach mal die Real-Life Probleme zuerst lösen könnte.

Vor allem hat John Madden niemals Gehirnerschütterungen verherrlicht. Ganz im Gegenteil, er sprach sich bereits Mitte der 90er für die Gesundheit der Spieler aus und betonte, dass man verletzte Spieler erstmal in Ruhe auskurieren lassen müsste und wie gefährlich Kopfverletzungen sein können.

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Abb.: John Madden setzte sich schon früh für die Gesundheit der Spieler ein Quelle: Twitter @EAMaddenNFL

Wie einige Leute unter den Tweets der Journalistin und des Professors betonten, kann man sich – im Gegensatz zum echten Spielfeld – keine Gehirnerschütterung im Spiel holen.
Außerdem was bedeutet denn eine Verherrlichung oder Verharmlosung von Verletzungen?
Letztendlich ist und bleibt ein Computerspiel einfach nur ein Spiel, indem man andere Realitäten ausprobieren kann und zwar ohne die Risiken die eine andere, echte Realität mit sich bringen würde.
Und die meisten Spieler werden nicht magisch von einem Spiel verschluckt und können plötzlich Realität und Spiel nicht mehr auseinander halten. Im Gegenteil. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass sie als Spielfigur den großen Vorteil haben, von der Realität weit genug entfernt zu sein um sich keine echten Verletzungen oder Trauma zuzuziehen und trotzdem das Beste aus der Spieler-Experience mitnehmen können. Und genau darin liegt der Reiz am Gaming.