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Rockstar unter Druck: Ex-Mitarbeiter vermutet „Watchlist“ für kritische Beschäftigte

Jonas Teichmann
Jonas Teichmann Chefredakteur & Esports-Experte

Der Arbeitsrechtsstreit zwischen Rockstar Games und ehemaligen GTA-6-Entwicklern bekommt eine neue Dimension. Vor einem Arbeitsgericht in Glasgow erklärte der frühere Rockstar-North-Mitarbeiter Dayne Oram, er glaube, dass Beschäftigte nach einer Petition gegen die Rückkehr ins Büro auf einer Art interner „Watchlist“ gelandet seien. Bewiesen ist die Existenz einer solchen Liste bislang nicht. Rockstar weist die Vorwürfe zurück und erklärt weiterhin, die Mitarbeiter seien wegen der Weitergabe vertraulicher Informationen entlassen worden – nicht wegen ihrer Gewerkschaftstätigkeit.

Der Fall betrifft die Massenentlassungen vom Oktober 2025. Insgesamt wurden 34 Beschäftigte in Großbritannien und Kanada entlassen. 31 davon arbeiteten in Großbritannien; 23 ehemalige Mitarbeiter sind nach aktuellen Gerichtsberichten an dem laufenden Verfahren beteiligt.

Rund 150 Mitarbeiter unterschrieben Petition gegen Büro-Rückkehr

Im Mittelpunkt der jüngsten Zeugenaussage steht zunächst eine Petition aus dem Frühjahr 2023.

Damals unterschrieben laut den Aussagen vor Gericht etwa 150 Rockstar-Mitarbeiter eine Petition im Zusammenhang mit der angeordneten Rückkehr ins Büro. Nur ungefähr 15 bis 20 der Unterzeichner sollen zu diesem Zeitpunkt Gewerkschaftsmitglieder gewesen sein.

Oram gehörte zu den Unterzeichnern und vermutet heute, dass diese Liste der Ausgangspunkt für eine intensivere Beobachtung einzelner Mitarbeiter gewesen sein könnte.

Vor Gericht erklärte er, dass die Petition seiner Ansicht nach möglicherweise die Grundlage für eine Art „Watchlist“ geschaffen habe, über die bestimmte Beschäftigte hinsichtlich weiterer Aktivitäten beobachtet worden seien.

Wichtig ist dabei: Das ist derzeit eine Behauptung beziehungsweise Einschätzung des ehemaligen Mitarbeiters und kein vom Gericht festgestellter Sachverhalt.

Rockstar stellt Zusammenhang mit Entlassungen infrage

Rockstars Anwälte widersprachen dieser Interpretation während der Anhörung deutlich.

Dabei verwiesen sie unter anderem darauf, dass zwischen der Petition Anfang 2023 und den Entlassungen im Oktober 2025 mehr als zweieinhalb Jahre lagen.

Noch deutlicher: Von den rund 154 Personen, die laut Gerichtsbericht die Petition unterschrieben hatten, wurden 141 später nicht entlassen.

Rockstars Rechtsvertreter stellte deshalb die Frage, wie aus der Unterschriftenliste eine gezielte Überwachung beziehungsweise Auswahl der später entlassenen Mitarbeiter abgeleitet werden könne.

Oram blieb dennoch bei seiner Einschätzung. Die Petition sei seiner Ansicht nach nicht der alleinige Grund für die spätere Kündigung gewesen, könnte aber der Beginn einer stärkeren Beobachtung bestimmter Beschäftigter gewesen sein.

Ein Discord-Server mit rund 300 Mitarbeitern steht im Zentrum des Falls

Ein weiterer zentraler Bestandteil des Verfahrens ist ein Discord-Server, an dessen Einrichtung Oram beteiligt war.

Der Server wurde von ungefähr 300 aktuellen und teilweise ehemaligen Rockstar-Mitarbeitern genutzt und sollte als Forum für Gespräche über das Unternehmen und Arbeitsbedingungen dienen.

Genau dieser Discord ist heute einer der Hauptstreitpunkte.

Rockstar argumentiert, dass dort vertrauliche Unternehmensinformationen geteilt worden seien und bezeichnet dies als schweren Verstoß gegen die Vertraulichkeitsregeln des Studios.

Die Gewerkschaft IWGB hält dagegen, dass der Server Teil der gewerkschaftlichen Organisation gewesen sei und die Kündigungen in Wahrheit gegen aktive oder potenzielle Gewerkschaftsmitglieder gerichtet gewesen seien.

Auch Beschimpfungen von Managern wurden vor Gericht thematisiert

Im Kreuzverhör ging es nicht nur um vertrauliche Informationen.

Rockstars Anwalt führte mehrere Nachrichten aus dem Discord an, in denen Mitarbeiter das Management teilweise massiv beleidigten oder abwertend über Führungskräfte sprachen.

Oram räumte ein, dass Diskussionen auf dem Server zeitweise „etwas aus dem Ruder“ gelaufen seien. Die Moderatoren hätten versucht, eine Grenze zu ziehen, ohne die Gespräche vollständig zu kontrollieren.

Auch einzelne Beiträge über konkrete Manager seien gelöscht worden.

Die Frage, ob bestimmte Äußerungen bereits einen Kündigungsgrund darstellen, ist damit ebenfalls Teil des Verfahrens. Oram akzeptierte vor Gericht, dass einzelne Aussagen als Fehlverhalten gewertet werden könnten, widersprach jedoch der Einstufung als besonders schweres Fehlverhalten.

Rockstar: Kündigungen hatten nichts mit Gewerkschaften zu tun

Rockstar bleibt bei seiner bisherigen Position.

Das Unternehmen erklärt, Beschäftigte in Großbritannien und Kanada seien wegen der Weitergabe vertraulicher Unternehmensinformationen entlassen worden. Eine Gewerkschaftsmitgliedschaft oder gewerkschaftliche Aktivitäten seien nicht der Grund gewesen.

Rockstar kündigte an, die Vorwürfe im laufenden Verfahren entschieden zurückzuweisen.

Die IWGB behauptet dagegen, die Kündigungen seien gezielt gegen gewerkschaftlich organisierte Beschäftigte gerichtet gewesen.

Nach Angaben der Gewerkschaft wurden die britischen Mitarbeiter ohne reguläres Disziplinarverfahren und ohne Möglichkeit eines Einspruchs entlassen. Einige Beschäftigte seien in kurzen Meetings informiert und anschließend unmittelbar aus den Unternehmenssystemen ausgesperrt worden.

Gericht ließ Blacklisting-Vorwürfe bereits zur Hauptverhandlung zu

Ein wichtiger Punkt wird bei der aktuellen Berichterstattung leicht missverstanden.

Ein Gericht hat bereits entschieden, dass die von der IWGB erhobenen Blacklisting-Vorwürfe im Hauptverfahren behandelt werden dürfen. Rockstar hatte zuvor versucht, diesen Teil der Klage entfernen zu lassen. Der Antrag wurde abgelehnt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Gericht festgestellt hat, dass Rockstar tatsächlich eine Blacklist geführt hat.

Die Entscheidung besagt lediglich, dass die entsprechenden Anschuldigungen ausreichend relevant sind, um im laufenden Hauptverfahren geprüft zu werden.

Genau diese Prüfung findet derzeit in Glasgow statt.

Ehemalige Mitarbeiter wollen Wiedereinstellung oder Entschädigung

Die ehemaligen Beschäftigten verlangen nach Angaben der IWGB unter anderem ihre Wiedereinstellung.

Sollte das nicht möglich sein, fordern sie eine finanzielle Entschädigung sowie die gerichtliche Feststellung, dass ihre Kündigungen rechtswidrig beziehungsweise unfair waren.

Das Verfahren läuft voraussichtlich bis Mitte Oktober.

Parallel versuchen noch beschäftigte Rockstar-Mitarbeiter, eine formelle Anerkennung der IWGB als Gewerkschaft innerhalb des Unternehmens zu erreichen. Damit könnten künftig unter anderem Gehaltstransparenz, flexible Arbeitsmodelle, Arbeitsplatzsicherheit und das Thema Crunch kollektiv verhandelt werden.

Der Prozess endet nur wenige Wochen vor GTA 6

Brisant ist vor allem der Zeitpunkt.

Grand Theft Auto VI erscheint offiziell am 19. November 2026 für PlayStation 5 und Xbox Series X|S. Rockstar bestätigt diesen Termin weiterhin auf der offiziellen GTA-6-Seite.

Damit läuft einer der größten arbeitsrechtlichen Konflikte der jüngeren Spielebranche unmittelbar vor dem wahrscheinlich wichtigsten Release in Rockstars Geschichte.

Mehrere der entlassenen Entwickler hatten zuvor selbst an GTA 6 gearbeitet.

Ob es tatsächlich eine interne „Watchlist“ gab, wie Oram vermutet, gehört nun zu den Fragen, die das Gericht in den kommenden Wochen klären muss. Bis zu einem Urteil stehen sich zwei völlig unterschiedliche Darstellungen gegenüber: Die ehemaligen Mitarbeiter und ihre Gewerkschaft sprechen von gezieltem Vorgehen gegen gewerkschaftliche Organisation – Rockstar von Kündigungen aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen die Geheimhaltungspflichten.

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Jonas Teichmann

Über den Autor

Jonas Teichmann

Jonas Teichmann ist Texter und E-Sport-Redakteur bei Fragster.de. In seinen Artikeln verbindet er aktuelle News mit klarer Einordnung und einem Blick für die Details, die in der Szene wirklich zählen. Ob CS2, League of Legends oder die großen internationalen Turniere: Jonas bereitet Themen so auf, dass sowohl eingefleischte Fans als auch Neueinsteiger schnell den Überblick bekommen. Sein Fokus liegt auf verständlicher Sprache, sauberer Struktur und dem Anspruch, Entwicklungen nicht nur zu melden, sondern auch nachvollziehbar zu erklären. Dabei greift er Trends, Meta-Änderungen und Teamdynamiken genauso auf wie relevante Hintergrundgeschichten.

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