T1-Jungler Hyeon-joon „Oner“ Mun spricht erstmals offen über seine Nichtberücksichtigung im südkoreanischen Asian-Games-Kader. Nach dem Sieg über KT Rolster nannte er die Entscheidung enttäuschend – zog daraus aber neue Motivation. Auf einen Einspruch verzichtet er bewusst.
Erst der Sieg, dann das heikle Thema
Bevor Oner die Kaderfrage ansprach, ging es um das Match. T1 setzte sich in einer schwierigen Serie gegen KT Rolster durch, wobei laut Oner besonders das zweite Spiel entscheidend war: Das Team kämpfte sich aus einer Verlustposition zurück und schützte seinen wichtigen Game-Vorsprung in der Tabelle.
„KT ist so ein starkes Team, also war es eine extrem schwierige Serie, aber wir konnten im zweiten Spiel aus einer Verlustposition zurückkommen“, sagte Oner. Das frühe und mittlere Spiel sei hart gewesen, doch das Team habe nie aufgehört, an den Sieg zu glauben: „Während wir spielten, haben wir Fehler gut bestraft, und ich habe das ganze Spiel über daran geglaubt, dass wir gewinnen können.“
Mit dem Erfolg kehrte T1 mit 13 Siegen in den oberen Tabellenbereich zurück. Zufrieden ist Oner damit aber nicht: „Ich bin ehrlich gesagt nicht zufrieden mit dem zweiten Platz, also werden wir hart arbeiten und versuchen, ganz nach oben zu kommen.“
Warum die Snub so wehtut
Hier lohnt der Hintergrund, den die Aussage allein nicht liefert: Der südkoreanische Asian-Games-Kader wurde am 18. Mai von der KeSPA bekanntgegeben – mit Canyon (Gen.G) als Jungler statt Oner. Das ist brisant aus mehreren Gründen.
Erstens hat Oner in den letzten beiden Jahren den LCK-Jungler-des-Jahres-Award gewonnen und war zentral an T1s WM-Titeln beteiligt – seine Nichtberücksichtigung sorgte in der koreanischen Community für Unmut. Zweitens platzt damit der Traum vieler Fans von einer ZOFGK-Reunion: Vier Spieler des 2023/24-Weltmeister-Rosters (Zeus, Faker, Keria, Gumayusi) stehen im Kader, nur Oner fehlt. Drittens – und das ist der eigentliche Einsatz – bringt eine Goldmedaille bei den Asian Games die Befreiung vom obligatorischen Militärdienst. Für koreanische Profis ist das eine der wichtigsten Karrierefragen überhaupt.
Kein Einspruch – stattdessen Motivation
Oner sagte, er habe nach der Bekanntgabe ein bis zwei Stunden ernsthaft über einen Einspruch nachgedacht, sich dann aber dagegen entschieden: „Ich kam zu dem Schluss, dass es nicht wirklich nötig war, Einspruch einzulegen. Der Kader bestand aus extrem talentierten Spielern.“
Die Nichtnominierung deutet er als Antrieb: „Die Tatsache, dass ich nicht ausgewählt wurde, hat mir persönlich das Gefühl gegeben, dass es noch Bereiche gibt, in denen mir etwas fehlt und in denen ich noch wachsen muss. In dem Sinne wurde es für mich noch motivierender – und ich denke, es wurde zu etwas Sinnvollem und Positivem.“
Die Lektion von 2023
Oner zog eine Parallele zu 2023, als Jin-hyeok „Kanavi“ Seo Südkorea vertrat, während er selbst zu Hause blieb. Diese Erfahrung habe ihm geholfen, von anderen zu lernen – und das wolle er nun mit Canyon wiederholen.
„Damals, als Kanavi als Vertreter ging, konnte es sich als Profi ehrlich gesagt etwas demütigend oder frustrierend anfühlen“, sagte er. „Aber ich fragte die Spieler Dinge wie, wie sie an das Spiel herangingen und was ihre Stärken waren. Ich hörte zu, lernte und versuchte, das Schritt für Schritt aufzunehmen. Und vielleicht deshalb folgten danach viele gute Ergebnisse.“ Mit Canyon und mehreren Teamkollegen im Kader sieht er erneut eine Lernchance: „Später werde ich versuchen, sie alle in zukünftigen Matches zu schlagen.“
Worlds bleibt das Ziel – aber die Freude soll bleiben
Nach seinen persönlichen Zielen gefragt, nannte Oner weiterhin den Worlds-Titel als Hauptziel – betonte aber, dass ihm der Spaß am Spiel mindestens ebenso wichtig sei: „Das ist ein Spiel, das ich seit meiner Kindheit liebe und genieße. Mehr als alles andere hoffe ich, dass ich die Freude am Spielen nicht verliere. Glücklich zu spielen und dabei gute Ergebnisse zu erzielen, ist wohl mein größtes Ziel.“
Zum Abschluss dankte er den T1-Fans dafür, ihn in seinem persönlichen Stream nicht auf die Asian-Games-Frage angesprochen zu haben. Die Nichtnominierung sei zwar unglücklich, „aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das alles im Leben ist.“
Eine reife Reaktion auf eine bittere Entscheidung
Bemerkenswert ist, wie souverän Oner mit einer Snub umgeht, die ihn nicht nur sportlich, sondern handfest – Stichwort Militärdienst – treffen könnte. Statt eines Einspruchs wählt er die Lernhaltung gegenüber Canyon, dem 2020er-Weltmeister und einem der besten Jungler der Welt. Das passt zu Oners Ruf, einer der mental stabilsten Spieler im LCK zu sein.
Für T1 ist die Botschaft im Kern positiv: Ein Jungler, der die verpasste Nominierung in Antrieb umwandelt und gleichzeitig die Tabellenführung anpeilt, ist wertvoller als einer, der an der Entscheidung zerbricht. Ob daraus am Saisonende der erhoffte erste Platz wird, muss T1 nun auf dem Rift beweisen.
