Natus Vinceres Assistant Coach Adrien „GotoOne“ Picard spricht offen über die mentalen Herausforderungen des koreanischen Mid-Laners – und erklärt, wie NAVI versucht, ihn zu einem anderen Ansatz zu bringen.
Nicht Kommunikation, sondern Druck – eine wichtige Unterscheidung
Im Interview mit Sheep Esports nach NAVIs erstem LEC-Spieltag machte GotoOne eine Aussage, die in der Esports-Diskussion oft zu kurz kommt: Das Problem bei Poby ist nicht die Sprachbarriere, sondern die Mentalität. Der Mid-Laner Yoon „Poby“ Seong-won legt nach Einschätzung seines Coaches zu viel Gewicht auf das Laning und nimmt sich dadurch unnötige Verantwortung auf.
„Es ist kein Kommunikationsproblem. Er hat eine sehr koreanische Denkweise: Für ihn ist es die Grundlage des Spiels, in der Lane stark zu sein. Vielleicht übertreibt er das ein bisschen und setzt sich zu sehr unter Druck“, erklärte GotoOne.
Koreanische Szene als prägender Faktor
GotoOne führte weiter aus, dass Pobys Wahrnehmung stark durch seine Erfahrungen in der koreanischen Liga geprägt ist – einer Umgebung, in der ein schlechtes Spiel unmittelbar den Platz im Roster kosten kann. Dieser Hintergrund hat sichtbare Spuren hinterlassen.
„In Korea kann ein Spieler im Handumdrehen auf die Bank gesetzt werden. Die koreanische Kultur hat ihm generell viel Angst bereitet, und das war in unseren Spielen deutlich zu spüren“, so der Assistant Coach.
Das ist kein neues Phänomen. Koreanische Imports in westlichen Ligen kämpfen regelmäßig mit diesem kulturellen Gegensatz – einem System, das auf maximaler Leistung unter permanentem Selektionsdruck basiert, gegenüber einem Umfeld, das Entwicklung und Stabilität stärker betont.
NAVIs Ansatz: Langfristiges Projekt statt schnelle Urteile
Natus Vincere versucht aktiv gegenzusteuern. GotoOne beschreibt einen klaren Kommunikationsansatz gegenüber Poby: Das Projekt ist auf Entwicklung ausgelegt, nicht auf unmittelbare Konsequenzen nach schwachen Auftritten. „Wir sagen ihm, dass das ein langfristiges Projekt ist und dass wir es gemeinsam mit ihm aufbauen wollen. Er reagiert gut darauf und kommuniziert mehr.“
Das klingt nach einem bewussten kulturellen Onboarding-Prozess – und ist möglicherweise genauso entscheidend für NAVIs Erfolg in der LEC 2026 Spring wie die taktische Vorbereitung.
Der Kontext: LEC 2026 Spring mit hohen Einsätzen
Die LEC 2026 Spring läuft vom 28. März bis zum 7. Juni mit zehn Teams. Die zwei besten Teams der Regular Season qualifizieren sich für das Mid-Season Invitational 2026, der Splitsieger sichert sich zusätzlich einen Platz beim Esports World Cup 2026. Für NAVI und Poby ist die Ausgangslage damit klar: Zeit für Entwicklung ist vorhanden – aber die Einsätze sind real.
Quelle: Sheep Esports


