Es ist eine der bittersten Wendungen, die die Spielebranche in diesem Jahr erlebt hat: Microsoft schließt das Studio Ninja Theory, bekannt für die Hellblade-Reihe – und das nur gut eine Woche, nachdem das Studio beim Xbox Games Showcase mit Senua sein nächstes Spiel vorgestellt hatte. Mehrere große Medien, allen voran The Verge und Bloomberg, bestätigen die Schließung übereinstimmend.
| Studio | Ninja Theory (Cambridge, England) |
| Bekannt für | Hellblade: Senua’s Sacrifice und Senua’s Saga: Hellblade II |
| Anlass | Schließung im Zuge des „Xbox Reset“ |
| Mitarbeiter informiert | Montag, 15. Juni 2026, in einem internen Call |
| Pikant | Senua wurde erst am 7. Juni angekündigt |
| Quellen | The Verge, Bloomberg (Jason Schreier), u.a. – Microsoft ohne Stellungnahme |
Was passiert ist
Laut The Verge, die sich auf eigene Quellen beruft, erfuhren die Mitarbeiter von Ninja Theory am Montag in einer internen Besprechung von der Schließung. Sie hoffen nun, dass die Studioleitung einen Käufer oder Investor findet, der den Betrieb fortführt – angesichts der aktuellen Lage der Branche ein eher unwahrscheinliches Szenario. Das in Cambridge ansässige Studio war 2018 von Microsoft übernommen worden.
Die zentrale Absurdität liegt im Timing: Erst am 7. Juni hatte Ninja Theory beim Xbox Games Showcase Senua vorgestellt, den dritten Teil der Hellblade-Reihe, angekündigt für 2027 auf Xbox Series X|S, PS5 und PC. Studioleiter Dom Matthews hatte das Spiel als Höhepunkt all dessen beschrieben, worauf das Team hingearbeitet habe – und dafür sogar das zuvor angekündigte Horror-Projekt Project Mara eingestellt, um sämtliche rund 85 Entwickler auf Senua zu konzentrieren. Was nun aus dem Spiel wird, ist völlig offen; ohne neuen Eigentümer dürfte die Entwicklung kaum weitergehen.
Einordnung: Teil eines großen „Xbox Reset“
Die Schließung steht nicht für sich allein, sondern ist Teil eines weitreichenden Umbaus, den die neue Xbox-CEO Asha Sharma und Content-Chef Matt Booty in der Vorwoche als „Reset“ angekündigt hatten. In einem unternehmensweiten Memo führte die Führung finanzielle Schwierigkeiten, ein zu stark aufgeblähtes Studio-System und steigende Hardware-Produktionskosten infolge der Bauteilkrise an. Sinngemäß hieß es, man habe das Studio-System ausgebaut, als man eine Content-Pipeline für verschiedene Strategien brauchte, und sich dabei übernommen.
Sichtbarstes Zeichen des Umbruchs: Craig Duncan, Chef der Xbox Game Studios, verließ am Montag das Unternehmen. Und Ninja Theory ist nicht das einzige betroffene Studio:
- Double Fine (Psychonauts, San Francisco) befindet sich laut Bloomberg in aktiven Verhandlungen über eine Abspaltung von Xbox.
- Compulsion Games (South of Midnight, Montreal) steht laut Berichten ebenfalls in solchen Gesprächen.
- Für Arkane Lyon (Marvel’s Blade) kursieren bislang unbestätigte Gerüchte über ein erhöhtes Schließungsrisiko, die mit Vorsicht zu genießen sind.
Anders als bei Ninja Theory geht es bei Double Fine und Compulsion zunächst um ein mögliches Spin-off, also eine Verselbstständigung, nicht zwingend um eine sofortige Schließung. Das gemeinsame Muster ist dennoch unübersehbar: Studios, die kritisch gefeierte, aber kommerziell glücklose Spiele lieferten, geraten unter der neuen Führung unter Druck.
Meine Einschätzung: Ein Vertrauensbruch mit Ansage
Man muss die geschäftliche Logik nicht teilen, um zu erkennen, wie zerstörerisch dieses Vorgehen für das Vertrauen in Xbox ist. Ein Studio prominent auf der eigenen Bühne ein neues Spiel ankündigen zu lassen und es gut eine Woche später dichtzumachen, ist mehr als nur unglückliches Timing – es entwertet die Ankündigung selbst und beschädigt die Glaubwürdigkeit künftiger Showcases. Wer als Spieler künftig ein Xbox-Studio auf der Bühne sieht, wird sich unweigerlich fragen, ob das Projekt überhaupt eine Zukunft hat.
Hellblade war nie ein Massenphänomen, und Hellblade II wurde trotz herausragender audiovisueller Qualität für seine kurze Spielzeit und das dünne Gameplay kritisiert. Dass solche Spiele unter wachsendem Kostendruck schwerer zu rechtfertigen sind, ist nachvollziehbar. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack: Ninja Theory stand wie kaum ein anderes Studio für künstlerisch ambitionierte, eigenwillige Spiele – genau die Art von Vielfalt, die ein gesundes Line-up braucht. Der „Reset“ mag betriebswirtschaftlich erklärbar sein, aber er sendet ein klares Signal, welche Art von Spielen unter der neuen Xbox-Führung künftig keinen Platz mehr hat. Für Senua, Senuas Fans und die Branche insgesamt ist das ein trauriger Tag.
