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LPLOL: Zwei Spieler machen Bestechungsversuche öffentlich

Jonas Teichmann
Jonas Teichmann Chefredakteur & Esports-Experte

Zwei Spieler des portugiesischen Teams Dream Esports haben öffentlich gemacht, dass sie vor ihrem Playoff-Viertelfinale von einem anonymen Discord-Konto kontaktiert wurden. Der Absender habe erklärt, es sei bereits Geld auf ihre Niederlage gesetzt worden, und ihnen im Gegenzug für Informationen einen Anteil angeboten.

Mittelspieler Flávio „BANKAI“ Neves und Unterstützer Duarte „Tochas“ Martins Vieira veröffentlichten nach der Partie Bildschirmfotos der Nachrichten. Dream Esports verlor die Serie mit 1:3.

Zur Klarstellung vorweg: Ermittelt wird, entschieden ist nichts. Niemandem ist bislang eine Manipulation nachgewiesen worden.

Was in den Nachrichten stand

Das Konto meldete sich rund eine Stunde vor Spielbeginn bei Tochas. Es stellte sich als erfahrener Wetter in mehreren Esports-Disziplinen vor, wollte in der vergangenen Saison mehrere auffällige Partien in der LPLOL bemerkt haben und fragte, ob Tochas davon wisse und ob sich solche Informationen beschaffen ließen.

Als Beleg lieferte der Absender eine Marktangabe: Vier Stunden vor der Partie seien die Quoten auf den Gegner von 2,4 auf 1,4 gefallen. Das sei weder normal noch organisch.

BANKAI wurde getrennt angeschrieben. Ihm gegenüber hieß es, er sei sehr schnell vom Favoriten zum Außenseiter geworden, und mindestens 14.000 Dollar seien bereits auf seine Niederlage gesetzt. Auffällig ist die Formulierung: Der Absender bat nicht darum, absichtlich zu verlieren, sondern um Insiderinformationen. Er wolle nur einen Anteil an dem, was ohnehin laufe.

Nach der verlorenen Serie meldete sich dasselbe Konto erneut. BANKAI antwortete, er nehme kein Geld an, egal wie hoch das Angebot sei.

Der schwerwiegendere Vorwurf

BANKAI erhob anschließend einen Verdacht gegen die eigene Mannschaft. Er sei sich sicher, dass jemand angenommen habe, und beschrieb, in ein Best-of-Five zu gehen mit dem Wissen, dass ein Mitspieler dafür bezahlt worden sei, absichtlich zu verlieren.

Namen nannte er nicht, Belege ebenfalls nicht. Es handelt sich um eine Vermutung eines Beteiligten, nicht um einen Nachweis. Wir geben sie wieder, weil sie den Kern seiner öffentlichen Äußerung bildet, und weisen ausdrücklich darauf hin, dass gegen keinen namentlich bekannten Spieler ein Vorwurf belegt ist.

Was die Wettmärkte zeigen

Ein Marktanalyst, der Esports-Orderbücher beobachtet, hatte die Partie nach eigenen Angaben bereits vor Beginn als auffällig gemeldet. Die Umsätze lagen bei rund 130.000 Dollar auf einer und etwa 120.000 Dollar auf einer weiteren Prognoseplattform, weit über dem, was ein LPLOL-Viertelfinale üblicherweise anzieht.

Auf einer der Plattformen, auf der Einzeltransaktionen öffentlich einsehbar sind, platzierte ein neu angelegtes Konto eine einzelne vierstellige Position. Es blieb die einzige Wette dieses Kontos.

Wichtig zur Einordnung: Das ist ein Muster, das zu Manipulation passt. Es ist kein Beweis dafür. Die recherchierende Redaktion gibt selbst an, keine Verbindung zwischen diesem Konto und Dream Esports oder dem Absender der Nachrichten gefunden zu haben.

Der Analyst gibt an, die Liga vor der Partie gewarnt zu haben und keine Antwort erhalten zu haben.

Nicht der erste Fall in dieser Liga

Bereits im August gab es ein ähnliches Muster. Dream Esports lag gegen Capybara Esports nach dem ersten Spiel zurück, und erst danach floss das Geld: 75.000 Dollar auf einen Serien-Sieg von Dream. Auch dort platzierte ein frisch angelegtes Konto eine vierstellige Wette, hob den Gewinn ab und handelte nie wieder.

Capybara verlor die Serie mit 1:2. Deren Unterstützer Skeid äußerte anschließend den Verdacht, der eigene Schütze habe absichtlich verloren, und beschrieb, dieser habe die Kommunikation eingestellt. Auch hier gilt: eine Vermutung, kein Nachweis.

Tochas erklärte gegenüber der recherchierenden Redaktion, es gebe deutlich mehr Fälle. Manipulation und Spiel für Wettbelohnungen bestünden in der LPLOL seit etwa einem halben bis einem Jahr.

Der amtierende Meister Otter Side gibt an, mehrfach Verdachtsfälle an die Liga gemeldet zu haben, ebenso andere Teams. Die Antwort habe stets gelautet, Riot ermittle bereits. Darüber hinaus sei nichts passiert.

Ein Problem der gesamten ERL-Ebene

Der Fall steht nicht allein. In den regionalen Ligen unterhalb der LEC hat es in den vergangenen Jahren mehrere Verfahren gegeben.

FallAusgang
Türkische Akademieliga 202212 Spieler gesperrt, fünf Monate bis fünf Jahre, zwei entlastet
Greek Legends League 2020vier Personen dauerhaft gesperrt
Ultraliga, Januar 2024zwei Spieler suspendiert, binnen einer Woche mangels Beweisen entlastet
Rift Legends, Juli 2026ein Spieler zwölf Monate gesperrt, Manipulation nicht nachgewiesen
Road of Legends, Juli 2026zwei Spieler vorläufig suspendiert, Partie annulliert und neu ausgetragen

Der letzte Fall ist der interessanteste. Die Benelux-Liga annullierte das Ergebnis und ließ die Partie wiederholen, während die Ermittlungen noch liefen. Sie wartete also nicht auf ein Urteil, um den eigenen Wettbewerb zu schützen.

Zum Vergleich: In der chinesischen LPL erhielt ein Spieler im März eine lebenslange Sperre für sämtliche Wettbewerbe von Tencent, TJ Sports und Riot Games weltweit, nachdem seine eigene Organisation Auffälligkeiten festgestellt und die Beweise übergeben hatte.

Was Riot eigentlich vorhält

Auf dem Papier ist das Instrumentarium vorhanden. Riot arbeitet seit 2019 mit Sportradar zusammen, dessen System nach Unternehmensangaben Wettmärkte von über 600 Anbietern überwacht, einschließlich Zugriff auf einzelne Wetteinsätze zur Erkennung auffälliger Muster auf Kontoebene. Abgedeckt seien mehr als 8.000 Partien jährlich in 25 Ligen. 2024 kam eine Absichtserklärung mit der International Betting Integrity Association hinzu.

Manipulation, Wetten und die Unterlassung einer Meldung zählt Riot zu den schwerwiegendsten Verstößen gegen den eigenen Verhaltenskodex. Ermittlungen könnten Monate dauern, in dieser Zeit seien vorläufige Sperren möglich.

Die Liga hat inzwischen reagiert

Nach Veröffentlichung der Recherche gab die LPLOL eine Stellungnahme ab. Man sei sich der Vorwürfe bewusst und sammle, prüfe und sichere derzeit Beweismaterial, das anschließend förmlich an die Compliance-Abteilung von Riot Games gemeldet werde.

Öffentliche Schlussfolgerungen zu Teams, Spielern oder Einzelpersonen werde man bis zum Abschluss dieses Verfahrens nicht ziehen und sich nicht zu unbestätigten Spekulationen äußern.

Riot Games selbst hat sich bislang nicht geäußert.

Warum das über eine kleine Liga hinausreicht

Die LPLOL ist eine regionale Liga in Portugal, weit entfernt von den Schlagzeilen der LEC. Genau das ist das Problem.

In Ligen dieser Größenordnung sind die Gehälter niedrig, die Aufmerksamkeit gering und die Wettumsätze trotzdem hoch genug, um Manipulation lohnend zu machen. Ein Viertelfinale, das 250.000 Dollar an Umsatz auf zwei Plattformen anzieht, während die beteiligten Spieler vermutlich einen Bruchteil davon im Jahr verdienen, beschreibt das Problem präziser als jede Erklärung.

Für die betroffenen Spieler bleibt eine unangenehme Bilanz. Beide haben abgelehnt und das öffentlich gemacht. Ihr Team ist ausgeschieden.

Quellen:

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Jonas Teichmann

Über den Autor

Jonas Teichmann

Jonas Teichmann ist Texter und E-Sport-Redakteur bei Fragster.de. In seinen Artikeln verbindet er aktuelle News mit klarer Einordnung und einem Blick für die Details, die in der Szene wirklich zählen. Ob CS2, League of Legends oder die großen internationalen Turniere: Jonas bereitet Themen so auf, dass sowohl eingefleischte Fans als auch Neueinsteiger schnell den Überblick bekommen. Sein Fokus liegt auf verständlicher Sprache, sauberer Struktur und dem Anspruch, Entwicklungen nicht nur zu melden, sondern auch nachvollziehbar zu erklären. Dabei greift er Trends, Meta-Änderungen und Teamdynamiken genauso auf wie relevante Hintergrundgeschichten.

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