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fabio | September 22, 2020

Können wir den CS:GO-Coaches noch vertrauen?

Die Krise um den Coaching-Bug hatte bereits weitreichende Folgen. Einige berühmte Gesichter, darunter sogar Nicolai “HUNDEN” Petersen, sind von ihren Teams entweder gekickt oder zumindest suspendiert worden, weil sie den Bug ausgenutzt hatten.

Die Untersuchung von Michal Slowinski und Steve Dudenhoeffer dauert nun schon mehrere Monate an. Kurz nach dem Ende der ESL One Cologne waren die zwei mit ihren ersten Ergebnissen an die Öffentlichkeit getreten. Die ESL verkündete danach die ersten Urteile, die unter anderem HUNDEN, Ricardo “dead” Sinigaglia von MIBR und Aleksandr “MechanoGun” Bogatyrev von Hard Legion trafen. Die Coaches sind für jeweils 1 Jahr, 6 Monate und 2 Jahre von ESL- und DreamHack-Turnieren verbannt.

WARUM DER BUG SO BRANDGEFÄHRLICH IST

Der Bug erlaubte es Coaches zuletzt, durch einen kontrollierten Prozess in eine freie Kamera zu wechseln. Sie konnten sich den Ort aussuchen, an dem sie nun frei beobachten konnten. Die Coaches konnten dadurch die Gegner auskundschaften und auch ihren Geldstand überprüfen. Damit war die kompetitive Integrität natürlich verletzt. Mit der Hilfe von MechanoGuns Informationen konnten sich Hard Legion beispielsweise ein 2-0 gegen Natus Vincere erspielen, das von außen wie ein magisches Upset erschien.

Oder man nehme das erste Match des Astralis-Rosters nach dem Ausstieg von gla1ve. Sie mussten gegen Heroic ran, die in den ersten Runde auf Inferno unglaublich stark auftraten. Sie erzielten eine 8-1 Führung und versagten nur knapp mit einem 14-16 für Astralis. Danach kam jedoch raus, dass HUNDEN während des Matches den Coaching-Bug ausgenutzt hatte. Da musste Mohan “launders” Govindasamy auch mal fragen: Waren das rein zufällig die ersten 10 Runden? Michal antwortete einfach nur mit einem “Yeah!”.

Wir wissen bislang nicht, wie groß das Ausmaß dieser Krise ist. Einige Coaches, wie zum Beispiel Faruk “pita” Pita, haben sich freiwillig gemeldet und hoffen so auf mildere Strafen. Andere wurden durch Michal und Steve enttarnt. Beyond The Summit hatten ebenfalls ihre eigene Untersuchung durchgeführt und dead sowie MIBR für den Missbrauch des Bugs gegen Triumph nachträglich von cs_summit 6 disqualifiziert.

SIND VALVE MITVERANTWORTLICH?

Der Fall von pita ist besonders interessant. Auch wenn der Coach in ersten Linie zugeben wollte, dass er den Bug ebenfalls missbraucht hatte, so offenbarte er dabei noch ein anderes Detail: Valve wussten Bescheid.

Und das schon mindestens seit 2018! Unter den Coaches war dies wohl eine Art kleines Geheimnis, denn es gab bereits 2015 Vorfälle dieser Art, die zuletzt von Steve Dudenhoeffer zutage gefördert wurden. Haben Valve also eine Mitschuld an dem ganzen Drama? Sind die Taten der Coaches vielleicht gar nicht so verwerflich, wenn Valve so unglaublich lange nichts gegen das Problem unternommen haben?

Diese Argumentation findet sich tatsächlich zuhauf unter den Anschuldigungen und Beweisen gegen einige Profis. Selbstverständlich würden wir dieses Problem nicht haben, wenn Valve schnell dagegen gehandelt hätten. Aber das entschuldigt die Taten der Coaches nicht im mindesten. Sie wussten, dass dieser Bug offensichtlich gegen die Integrität des Spiels lief. Sie wussten, dass sie sich damit einen unfairen Vorteil verschaffen konnten. Was sie aber nicht wussten, war, dass man ihre Handlungen auch im Nachhinein noch beweisen kann.

DIE UNTERSUCHUNG DER ESIC

Nachdem Michal und Steve bereits über 1500 Demos von ESL-, DreamHack-, Flashpoint-, und Summit-Matches durchgearbeitet haben, wurde dieser Prozess zur nächsten Stufe eskaliert. Die Esports Integrity Coalition nimmt sich nun dem Fall an. Die beiden Helden der CS:GO-Szene sind ebenfalls wieder an Bord und sind damit betraut, alle Spiele der letzten fünf Jahre zu untersuchen.

Das wird natürlich noch einige Zeit andauern. Bis zum 13. September hatten Nutzer des Bugs noch Zeit, um Abbitte zu leisten. Alle, die danach ertappt werden und sich nicht von selber gemeldet haben, werden möglicherweise mit höheren Strafen belegt. Einige nennen es die Säuberung (“Purge”) von Counter-Strike – und vielleicht ist dieser Name gar nicht so falsch. Der Weg zurück zu einer gesunden Esport-Szene kann nur durch eine vollständige Aufarbeitung dieser Vorfälle geschehen.

NEUSTART DURCH BEREINIGUNG

Die Szene kann nur wieder Vertrauen in die Position des Coaches und in die Gültigkeit der Ergebnisse der letzten Jahre haben, wenn alle Fälle aufgearbeitet und alle Misstetäter zur Rechenschaft gezogen worden sind. Deswegen ist die Untersuchung der ESIC so unglaublich wichtig. Erst wenn wir wissen, welche Profis gecheatet haben und welche Matches betroffen haben, können wir wieder daran glauben, dass die letzten Jahre an Counter-Strike Matches nicht durch eine unsichtbare Hand beeinflusst wurden.

Diesem Ziel wird also entgegen gearbeitet. Bislang haben sich 15 Coaches der Top-Szene entweder selber gestellt oder wurden entlarvt, die Untersuchung der ESIC dauert aber noch mehrere Monate an. Bis dahin müssen wir noch ausharren. Der Bug wurde nun auch endlich von Valve gefixt, den Ergebnissen der laufenden Turniere können wir also vertrauen.