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fragstereditorial | Juni 29, 2022

Interview mit nRated (Eintracht Spandau): Wir wussten, dass wir stark sind

Ob jahrelang als Spieler, Analyst oder mittlerweile als Coach, es gibt kaum eine deutsche League of Legends-Persönlichkeit, die die Esport-Szene so sehr geprägt hat wie Christoph “nRated” Seitz. Begonnen im Jahr 2010 bahnte er sich als aktiver Spieler seinen Weg durch Teams wie SK Gaming, Fnatic und viele mehr, bis er schließlich zum Coaching kam. Hier durchlief er erneut mehrere namhafte Stationen.

Heute coacht er das League of Legends Team der aufstrebenden Berliner Organisation Eintracht Spandau. Wir haben ihn nach Einblicken in das Leben eines League of Legends-Coaches befragt und spannende Eindrücke erhalten.

Der Split ist kein Sprint, sondern ein Marathon!

Fragster: Ihr seid ja ziemlich stark in den Split gestartet. Wusstet ihr vor dem Split Start, dass ihr so stark seid oder seid ihr “überrascht” von eurer eigenen Leistung?
nRated: Überrascht trifft es denke ich nicht, wir wussten bereits davor das wir stark aufspielen können. Der Start ist schon mal geglückt aber es gehört einiges an Arbeit dazu diese Position nun weiterhin zu verteidigen! Ist für uns im Endeffekt kein Sprint sondern eher ein Marathon und Teams werden nicht daran bemessen wie sie in die Saison starten, sondern welche Fortschritt sie durch das Jahr hinweg aufrecht erhalten können.

Fragster: Welche Ziele habt ihr euch für dieses Jahr gesetzt?
nRated: Wir wollen uns zu den EU Masters qualifizieren und diesmal aus den Gruppen heraus möglichst weit nach vorne kommen. Wir repräsentieren die DACH Region und wollen diese auch adäquat platziert sehen. Für uns selbst geht es letzten Endes das bestmögliche Ergebnis abzurufen und über uns selbst hinauszuwachsen.

Fragster: Wie bereitet ihr euch als Coaches auf neue Metas vor? Studiert ihr andere Regionen dafür?
nRated: Man kann sehr oft Rückschlüsse aus den vorherigen Metas ziehen und sich damit als Basis die Veränderungen genau anschauen. Es gibt viele Faktoren die dabei Indikatoren darstellen was genau nun stark ist, bzw. Welche Champions in welcher Kombination genutzt werden können: Winrates, Playrates, Pick/Banrates.

Daraus und mit dem Erfahrungsschatz den man bereits hat, gibt es Combos die immer wieder stark sein können: Camille/Galio, Leblanc/LeeSin, Gragas/Yasuo, Kogmaw/Lulu. Nur um mal einige Beispiele zu nennen. Der Erfolg dabei hängt dabei an der Planung, der Herangehensweise, des Mindsets und damit auch der Ausführung im Spiel. Das zu vermitteln ist mein Job!

Der wichtigste Aspekt ist die Zusammenarbeit

Fragster: Worauf kommt es beim Ausarbeiten der Draft-Strategie an? Welche Aspekte werden berücksichtigt?
nRated: Jeder Draft bedarf einer bestimmten Voraussetzung. Jeder Gegner draftet unterschiedlich und viele Strategien sind dabei eher auf Gegner zugeschnitten als allgemein anwendbar. Ich denke der wichtigste Aspekt dabei ist die Zusammenarbeit und das Zusammenführen der Ideen der Spieler mit den Möglichkeiten die das Team bietet.

Jedes Team hat eine eigene Spiel Identität und dagegen zu draften führt meistens zu keinen guten Resultaten. Daher muss man Abwägen und zusammen entscheiden, welche Drafts gegen welche Teams funktionieren könnten und im Training entscheidet man welche Drafts dafür zur Verfügung stehen.

Fragster: Welche Rolle/Championklasse (zB. Top/Bot/Jungle oder Mages/Bruiser/Tanks/Carries) in League of Legends ist momentan zu stark/schwach und verdient deiner Meinung nach ein Update?
nRated: Ich denke, das Balancing ist gerade sehr ausgewogen und jede Rolle/Klasse hat ihren Platz, oder zumindest einige Champions die im Meta situationsbedingt sehr gut sein können. Toplane hat gute Scalingoptionen, Mid ist der Dreh und Angelpunkt der Karte, Jungle und Support haben viel Einfluss auf den Spielverlauf und beeinflussen andere Lanes aktiv. AD ist glaube ich die schwächste Klasse momentan, weil sie zu abhängig von anderen Positionen ist und oftmals “verkauft” wird wenn man stark in die Toplane hinein spielt.

Ich würde aber nicht sagen das eine Rolle besonders schwach ist oder Balancing benötigt. Eher einzelne Champions, vor allem Neue sind extrem imbalanced und forcieren ein bestimmtes Meta immer wieder aufs Neue. Das ist gut für die Zuschauer, aber eher problematisch für den Wettbewerb an sich. Man muss generell zwischen Solo Queue und Competitive unterscheiden, was ich meine ist primär auf kompetitives League of Legends bezogen.

Es gibt keinen guten Austausch zwischen Teams und der Liga

Fragster: Du hast schon für internationale Teams gearbeitet/gespielt. Wenn du die deutsche League Szene mit der internationalen vergleichst, fehlt es der deutschen an etwas?
nRated: Ich denke, der größte Unterschied zwischen der Internationalen Szene und der Deutschen liegt in der äußeren Darstellung. Auch wenn dabei Schritt für Schritt gute Entscheidungen getroffen werden, gibt es keinen guten Austausch zwischen Teams und der Liga, was dazu führt, dass wichtige Rahmenbedingungen nicht konsequent besprochen werden.

Dabei ist zu erwähnen das auch Teams teilweise kaum oder kein Feedback an die Liga geben, welches aber dann auch oftmals nicht genug Beachtung findet. Das hat nunmal mit Riot zu tun, die in vielen Prozessen die Entscheidungen treffen. Wir erfahren, nur als Beispiel, die Daten der EU Masters immer erst während eines Splits was die langfristige Planung als Organisation sehr schwierig macht, über mehr als einen Split hinweg quasi unmöglich.

Fragster: Wie kam es zu deiner Entscheidung Coach zu werden und nicht mehr als Spieler aktiv zu sein?
nRated: Um als Spieler erfolgreich zu sein musste ich viele Dinge beiseite lassen. Ob Festivals, Freunde, Familie oder auch ganz alltägliche Dinge, wie eine eigene Wohnung zu besitzen und Hobbies richtig auszuleben. Mein Hauptgrund meine Karriere an den Nagel zu hängen war letzten Endes der Tod meines Vaters und das Ende meiner damaligen Beziehung.

Damit ging der Wunsch einher in die Heimat zurückzukehren und mir Zeit für mich selbst zu geben. Ich habe zudem mein selbst gestecktes Ziel erreicht auf der Weltmeisterschaft selbst zu spielen. Ein normaler Beruf war eine willkommene Abwechslung hat mir aber gezeigt, dass der Wettbewerb und das Messen miteinander ein größerer Faktor für mich war als gedacht.

Das Kompetitive habe ich schmerzlich vermisst! Ich war schon immer ein Spieler gewesen der seine Mitspieler positiv beeinflusst hat und habe bereits mehrmals gecoached, Evil Genius und Lemondogs auf den World Finals. Daher wusste ich das viel von dem was ich schmerzlich vermisst habe, als Coach immer noch gegeben ist.

Ich hatte das Gefühl, das ich gerne mehr an die kommende Generation Spieler weitergeben kann und sollte. Es gibt wenige Ex-Spieler die sich der Verantwortung gegenüber jungen Athleten bewusst sind, aber ich war mir dieser Rolle bewusst und deshalb bin ich wieder zurück in der Szene. Nicht weil ich gerne im Mittelpunkt stehen will oder mich profilieren will, sondern weil ich mein gelerntes Wissen weitergeben will.

Ausnahmetalente müssen erst einmal gefunden und aufgebaut werden

Fragster: Welchen Spieler würdest du unbedingt mal coachen wollen?
nRated: Es gibt tatsächlich keinen Spieler der mir dabei direkt ins Auge springt. Jeder Spieler der nach Größerem strebt und den Hunger beweist, sich durch alle Widrigkeiten zu kämpfen hat die Unterstützung verdient dieses Ziel auch zu erreichen. Es gibt klar Ausnahmetalente, aber diese Talente müssen erst einmal gefunden und aufgebaut werden. Dabei ist es für mich wichtiger Rohdiamanten zu finden und diese zu aufzupolieren, als sich mit bestimmten Spielern im eigenen Portfolio zu schmücken.

Fragster: Wofür hättest du gerne mehr Zeit?
nRated: Ich male in meiner Freizeit sehr gerne, komme dazu leider viel zu wenig während einer Saison. Da in der Vergangenheit zumindest in der Winterzeit ein wenig Luft war konnte ich meisten dafür Zeit schaffen, das kommt leider zurzeit zu kurz. Je mehr man an Vorbereitungen beschäftigt ist, desto weniger kommt man auch dazu selbst zu spielen, daher auch mal wieder Zeit zu haben ein Spiel richtig auf einen Streich durchzuspielen wäre eine willkommene Abwechslung.