Take-Two geht gegen die Person vor, die seit Wochen unveröffentlichtes Spielmaterial aus Grand Theft Auto VI verbreitet. Das Mittel der Wahl sorgt allerdings für erheblichen Ärger: Der Konzern verlangt von Discord die Bestandsdaten sämtlicher Mitglieder dreier Server – darunter einer mit über 100.000 Nutzern. Betroffen wären nicht nur die Verdächtigen, sondern jeder, der seit dem 1. Juni dort angemeldet war.
Was verlangt wird
Die Aufstellung ist umfangreich. Gefordert sind Nachrichtenprotokolle, Zugriffsprotokolle mit IP-Adressen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Registrierungszeitpunkte, verknüpfte Konten und Gerätekennungen.
Benannt sind drei Server: Ødyssey.gg, ein öffentlicher Odyssey-Server sowie ein Server, der in den Unterlagen als Cutter-Server des australischen GTA-Streamers Matthew „DarkViperAU“ Judge bezeichnet wird. Letzterer ist mit Abstand der größte – und der Grund, warum die Zahl 100.000 im Raum steht.
Parallel dazu verlangt Take-Two von Microsoft Windows-Gerätekennungen, IP-Protokolle und OneDrive-Inhalte im Zusammenhang mit dem Konto hinter dem Namen Cyberleek. Weitere Anträge richten sich an X und YouTube.
Warum das so schnell ging
Für die Einordnung ist ein juristischer Punkt entscheidend, der in der Berichterstattung häufig untergeht: Es handelt sich nicht um Klagen. Take-Two nutzt sogenannte DMCA-Subpoenas nach Abschnitt 512(h) des US-Urheberrechts. Dieses Verfahren erlaubt es einem Rechteinhaber, einen Diensteanbieter zur Herausgabe von Nutzerdaten zu zwingen, ohne zuvor jemanden verklagen zu müssen.
Eine inhaltliche Prüfung findet dabei nicht statt. Ein Gericht entscheidet nicht über Recht oder Unrecht, sondern weist lediglich die Geschäftsstelle an, die Anordnung auszustellen – zuständig waren die Richter Andrew L. Carter Jr. und Jennifer L. Rochon. Genau daraus erklärt sich, warum ein Antrag dieser Reichweite binnen weniger Tage durchging.
Die Reaktionen
Aufmerksamkeit bekam der Vorgang vor allem über einen Beitrag im Discord-Forum auf Reddit, in dem von der Freigabe zur „Enttarnung von 100.000 Discord-Nutzern“ die Rede war. Der Tenor in den Antworten ist bemerkenswert einheitlich: Kaum jemand hält die Suche nach dem Verantwortlichen für unangemessen, kritisiert wird die Methode. Tausende Unbeteiligte zu erfassen, um eine Person zu finden, sei unverhältnismäßig.
DarkViperAU selbst hat jede Kenntnis bestritten. Der in den Unterlagen genannte Server sei gar nicht der Server seines Schnittteams, Aufnahmen der Leaks gebe es in keinem seiner Server, und Rockstar habe ihn nie kontaktiert – was er als Hinweis darauf wertet, dass man ihm ohnehin nichts zutraue.
Wo Discord steht
Hier ist die Lage widersprüchlich. Take-Two erklärte, die erste Anordnung sei am 21. August ausgestellt und umgehend zugestellt worden. Discord-Marketingdirektor Ryan K. Rigney sagte mehrere Tage später, das Unternehmen habe nichts erhalten – man werde Gültigkeit und Umfang prüfen, sobald etwas eintreffe. TorrentFreak wies darauf hin, dass die Ausstellung durch die Geschäftsstelle in den Gerichtsakten nicht gesondert vermerkt ist.
Die Frist der ersten Anordnung lief auf den 4. September. Ob Daten geflossen sind, ist öffentlich nicht bestätigt.
Zusätzlich hat das Gericht Ende August eine zweite, deutlich engere Anordnung genehmigt. Sie betrifft ein weiteres Nutzerkonto und ergänzende Angaben zu einem bereits benannten. Der Inhalt bleibt weitgehend unter Verschluss, damit die Verdächtigen nicht erfahren, was Take-Two bereits weiß.
Was das für Nutzer in Deutschland bedeutet
Für hiesige Betroffene stellt sich eine Frage, die in der englischsprachigen Berichterstattung nicht auftaucht. Eine US-amerikanische Anordnung entfaltet in der Europäischen Union keine unmittelbare Wirkung. Artikel 48 der Datenschutz-Grundverordnung sieht vor, dass Entscheidungen von Gerichten oder Behörden aus Drittstaaten, die eine Übermittlung personenbezogener Daten verlangen, nur auf Grundlage eines internationalen Abkommens anerkannt oder vollstreckt werden können – etwa eines Rechtshilfeabkommens.
Wie sich das im konkreten Fall auswirkt, ist offen. Discord betreibt sein Europageschäft über eine irische Gesellschaft, und ob das Unternehmen Daten europäischer Nutzer überhaupt herausgeben würde oder dürfte, hat es bislang nicht kommentiert. Eine belastbare Bewertung kann nur ein Fachanwalt vornehmen; festhalten lässt sich lediglich, dass die Rechtslage für europäische Konten eine andere ist als für amerikanische.
Wer hinter Cyberleek steckt
Über die Person selbst ist wenig bekannt, über ihr Vorgehen umso mehr. Die Aufnahmen erschienen begleitet von einer Erklärung, die sich gegen digitale Vorbestellungen und gegen das Zurückhalten fertiger Inhalte hinter Bezahlschranken richtet.
Parallel dazu trugen die Videos ein Wasserzeichen, das für eine Kryptowährung auf Solana warb. Nach Berichten hat der Betreiber damit mehr als 200.000 Dollar eingenommen und das Projekt anschließend fallen lassen – was der vorgetragenen verbraucherfreundlichen Begründung einigermaßen zuwiderläuft.
Dass Take-Two nicht lockerlassen wird, ist absehbar. Beim Leak von 2022 wurde der Verantwortliche ermittelt und verurteilt.

