Teodor Nikolov, Gamer-Tag SPELLAN, hat im November 2024 ein Turnier gespielt. Er hat dabei Preisgeld gewonnen. Im August 2025, also neun Monate später, postet er auf X: „Been waiting for prizemoney since november 2024.“ Das Geld kam nie an.
Veranstalter war YaLLa Esports, Dubai. Im Juli 2025 meldete das Unternehmen Insolvenz an. CEO Klaus Kajetski verkündete das in einem internen Meeting, das Mitarbeiter später als auffällig selbstbezogen beschrieben, er sprach offenbar überwiegend von seinen eigenen Gefühlen. Laut HLTV-Recherchen schuldet YaLLa mindestens 700.000 Dollar an unbezahlten Preisgeldern aus acht Turnieren. The MongolZ warten auf 200.000 Dollar. Ninjas in Pyjamas auf 56.000. SPELLAN auf 3.500. Fünf Spieler des ehemaligen YaLLa Honor-of-Kings-Teams warten auf rund 50.000 Dollar aus der Weltmeisterschaft 2023. Tencent hatte das Preisgeld längst ausgezahlt. YaLLa behielt es.
Das ist kein seltenes Ereignis. Es passiert regelmäßig.
Im Oktober 2024 verschwand der CEO von BLEED Esports. Kassad, Coach des CS2-Teams, veröffentlichte danach eine Auflistung offener Verbindlichkeiten: 130.000 Dollar an Apeks, 42.000 an G2, 100.000 in unbezahlten Preisgeldern, dazu ausstehende Spielergehälter. Seine Zusammenfassung in Richtung des Clubs war kurz: „STOP LYING YOU CLOWNS.“ Into The Breach schloss im selben Jahr, nachdem der Gründer nachweislich rund 750.000 Dollar Firmengelder für persönliche Ausgaben genutzt hatte, darunter, und das steht tatsächlich im offiziellen Statement, „alcohol excesses.“
Was diese Fälle verbindet, ist nicht Kriminalität allein. Es ist, dass Spieler und Mitarbeiter in jedem dieser Fälle keine eigene finanzielle Absicherung hatten, die solche Ausfälle abgefedert hätte. Wer darauf angewiesen ist, dass die Zahlung pünktlich kommt, hat kein Puffer. Und in einer Branche ohne einheitliche Mindeststandards für Verträge, Absicherungen oder Zahlungsfristen ist pünktlich keine Selbstverständlichkeit.
Was Profi-Gehälter tatsächlich bedeuten
Die Zahlen klingen zunächst komfortabel. Im LEC liegt das Mindestgehalt für Rookies seit 2025 bei 115.000 Euro jährlich, erfahrene Spieler können das Doppelte erreichen. Der globale Durchschnitt aller professionellen Gamer lag laut einer Auswertung von Icon Era im Jahr 2025 bei 138.000 Dollar. CS2-Spitzenspieler kommen auf bis zu 480.000.
Nur dass dieser Durchschnitt genauso funktioniert wie jeder andere Durchschnitt: Er wird von oben hochgezogen. Entry-Level-Profis in etablierten Ligen starten bei 50.000 bis 60.000 Dollar. Wer unterhalb der Tier-1-Ebene spielt, also der überwältigende Anteil aller Menschen, die sich professioneller Gamer nennen, verdient deutlich weniger. Ein Blick auf regionale Daten zeigt: Mitteleuropäische Tier-3-Spieler bewegen sich häufig unter 20.000 Euro im Jahr, ohne Sozialversicherung, ohne Urlaubsgeld.
Und selbst wer gut verdient, tut das für eine begrenzte Zeit. Die meisten aktiven Karrieren enden zwischen 24 und 27. Danach: kein Gehalt, oft kein Abschluss, manchmal kein klarer Plan. Content Creation als Anschlussoption funktioniert, aber nicht für alle. Coaching und Management auch, aber ebenfalls nicht für alle, und auch diese Jobs sind nicht krisensicher, wie BLEED und Into The Breach gezeigt haben.
Ausgaben, die niemand aufschreibt
Neben den strukturellen Risiken gibt es noch eine zweite Ebene, weniger spektakulär, aber für deutlich mehr Menschen relevant. Was digitale Unterhaltung monatlich kostet, wenn man nicht aufpasst.
Nicht überall läuft es so vorbildlich wie im legalen iGaming: Wer beste Echtgeld Casinos auf casino.ch oder ähnlichen Vergleichsportalen ansieht, sieht dort explizite Ausgabenlimits und Budgetrechner, weil die Regulierung das gesetzlich vorschreibt und Transparenz ein nicht verhandelbares Qualitätsmerkmal ist. In der Gaming-Industrie sind solche Werkzeuge dagegen bis heute weitgehend freiwillig.
In der Gaming-Industrie, wo laut Newzoo 2024 rund 58 Prozent aller PC-Einnahmen auf Mikrotransaktionen entfielen, fehlen vergleichbare Transparenzanforderungen bis heute weitgehend. Wer drei Twitch-Abos hat, einen Battle Pass laufen und regelmäßig Skins kauft, kommt leicht auf 100 Euro im Monat, ohne es je aktiv entschieden zu haben.
Drei Dinge, auf die sich niemand vorbereitet
Verträge, Rentenansprüche, Budget. Das klingt banal. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass viele Esports-Spieler ihren ersten Profivertrag mit 17 oder 18 unterschreiben, ohne anwaltliche Beratung, ohne Verständnis für Klauseln zu Bildrechten oder Preisgeldaufteilung, und ohne zu ahnen, dass der CEO der Org drei Jahre später möglicherweise nicht mehr auffindbar ist.
Kassad hat seinen Spielern bei BLEED monatelang aus eigener Tasche Trainingscamp-Kosten vorgestreckt. Der Gedanke dahinter war vermutlich, dass die Org das zurückzahlt. Hat sie nicht.
Abdo, der ägyptische Spieler aus dem YaLLa-Fall, sagte gegenüber HLTV: „I could have bought a house or a car.“ Er hat YaLLa geholfen, ein Qualifier-Turnier zu gewinnen. Das Preisgeld hat er nie gesehen. Seinen vollen Namen nennt er in dem Bericht nicht.
Das ist die Seite der Branche, die keine Headline bekommt, wenn ein Major startet.
Was lässt sich ändern, was nicht?
Auf die strukturellen Probleme der Branche hat ein einzelner Spieler wenig Einfluss. Ob eine Org solvent bleibt, ob ein CEO das Preisgeld weiterleitet, ob ein Veranstalter überhaupt zahlt, das liegt nicht in seiner Hand.
Was Spieler kontrollieren können, ist schmaler, aber nicht bedeutungslos. Verträge vor der Unterschrift prüfen lassen kostet ein paar hundert Euro und kann tausende retten. Ein separates Konto für Rücklagen einrichten dauert zwanzig Minuten. Monatliche Ausgaben einmal im Quartal durchzusehen klingt trivial, aber die meisten tun es nicht.
Rekkles sagte 2023 sinngemäß, dass niemand in der Szene mit ihm über Geld gesprochen hat. Nicht die Org, nicht der Manager, nicht die Liga. Das hat sich seitdem nicht grundlegend geändert. SPELLAN wartet noch immer auf seine 3.500 Dollar.


