Anton „dyrachyo“ Shkredov sieht Team Falcons, Team Yandex und PARIVISION als einige der größten Favoriten auf den Titel bei The International 2026. Gleichzeitig blickt der frühere Gaimin-Gladiators- und Tundra-Spieler deutlich kritischer auf die langfristige Zukunft des Dota-2-Esports. Besonders die geringe Zahl neuer Talente bereitet ihm Sorgen: Viele Profi-Roster würden seit Jahren aus denselben Spielern bestehen, während echte Nachwuchsspieler kaum bis an die Spitze gelangen.
Die Aussagen stammen aus einem Interview vom 11. August, unmittelbar vor dem Start von TI 2026 in Shanghai. Das Turnier läuft inzwischen und bringt 16 Teams zusammen, von denen acht die entscheidenden Playoffs im Oriental Sports Center erreichen.
Falcons, Yandex und PARIVISION gehören für dyrachyo nach vorne
Bei der Frage nach den aussichtsreichsten Teams musste dyrachyo nicht lange überlegen.
Seine erste Favoritengruppe bestand aus:
- Team Falcons
- Team Yandex
- PARIVISION
Das ist angesichts der vergangenen Monate keine besonders überraschende Auswahl.
PARIVISION gewann im Juli den Dota-2-Wettbewerb beim Esports World Cup und setzte sich dort im Finale mit 3:1 gegen BetBoom Team durch. Team Yandex erreichte ebenfalls das Halbfinale und belegte am Ende Rang drei.
Auch statistische Modelle sahen Yandex bereits vor TI weit vorne. Dota-Analyst Ben „Noxville“ Steenhuisen hatte das Team in seinen Simulationen zeitweise sogar mit den höchsten Titelchancen geführt, gefolgt von PARIVISION und weiteren europäischen Spitzenmannschaften.
Trotzdem glaubt dyrachyo nicht einfach an PARIVISION
Interessant ist, dass dyrachyo trotz der starken Form von PARIVISION nicht davon ausgeht, dass der Weg zum Aegis automatisch über das Team führt.
Für ihn ist The International ein anderes Turnier als gewöhnliche Events.
In einem TI-Finale gehe es nicht ausschließlich darum, wer mechanisch besser spielt oder die stärksten Drafts besitzt. Erfahrung, mentale Stabilität und die Fähigkeit, unter maximalem Druck ruhig zu bleiben, könnten genauso entscheidend werden.
Persönlich äußerte dyrachyo deshalb zusätzlich großes Vertrauen in:
Team Falcons, Team Spirit und Team Liquid.
PARIVISION gehört für ihn klar zur Spitze, ist aber keineswegs ein garantierter Champion.
Team Liquid könnte sich bei TI noch einmal steigern
Vor allem Team Liquid traut der frühere Carry einen starken Turnierlauf zu.
Liquid gehört seit Jahren zur internationalen Dota-Spitze und erhielt für TI 2026 eine direkte Einladung von Valve.
Auch BetBoom Team zählt dyrachyo zu den Mannschaften, die einen tiefen Run schaffen können.
Damit ergibt sich für ihn eine relativ breite Favoritengruppe.
| Team | dyrachyos Einordnung |
|---|---|
| Team Falcons | Topfavorit |
| Team Yandex | Topfavorit |
| PARIVISION | Topfavorit, aber kein sicherer Champion |
| Team Spirit | hohe Erwartungen |
| Team Liquid | könnte sich bei TI deutlich steigern |
| BetBoom Team | tiefer Run möglich |
| LGD Gaming | Top 6 möglich, wenn Topson funktioniert |
| Aurora Gaming | gefährlich bei guter Form |
| Vici Gaming | Heimvorteil könnte helfen |
Gerade diese Breite passt zur Geschichte von The International.
Immer wieder erreichten Mannschaften deutlich bessere Platzierungen, als ihnen vor Turnierbeginn zugetraut worden waren.
Auch Außenseiter könnten plötzlich durchmarschieren
dyrachyo warnt deshalb davor, die vermeintlich kleineren Teams zu früh abzuschreiben.
Mannschaften wie Team Resilience, OG, Nigma Galaxy oder andere Qualifier-Teams könnten nach einem guten Start plötzlich Momentum entwickeln und mehrere Serien hintereinander gewinnen.
Sein Beispiel ist das vorherige The International.
Xtreme Gaming galt damals nicht für jeden als klarer Finalfavorit, erreichte aber das Endspiel und zwang Team Falcons bis in eine fünfte Map. Falcons gewann schließlich den Titel.
TI bleibt damit eines jener Turniere, bei denen Prognosen regelmäßig innerhalb weniger Tage auseinanderfallen können.
Topson ist für dyrachyo die bestmögliche Lösung für LGD
Eines der größten Themen unmittelbar vor dem Turnier war die Situation bei LGD Gaming.
Midlaner Santiago „TaiLung“ Agüero Gustavo wurde wenige Tage vor TI vom Wettbewerb ausgeschlossen. PGL verhängte darüber hinaus eine dauerhafte Sperre für eigene Turniere aufgrund von Problemen rund um die Competitive Integrity.
LGD musste kurzfristig reagieren.
Die Lösung könnte kaum prominenter sein:
Topias „Topson“ Taavitsainen.
Der zweifache TI-Champion springt für LGD ein und kehrt damit überraschend auf die größte Dota-Bühne zurück.
Für dyrachyo war das praktisch die beste Option, die LGD unter diesen Umständen finden konnte.
Warum Topson so gut zu einer Notlösung passt
Der entscheidende Vorteil ist für dyrachyo Topsons Flexibilität.
Der Finne kann nicht nur als klassischer Midlaner auftreten, sondern seinen Spielstil sehr stark an die Bedürfnisse des Teams anpassen.
Er kann Ressourcen übernehmen, aggressiv Raum erzeugen oder mit ungewöhnlichen Hero-Picks die gegnerische Strategie verändern.
Genau diese Unberechenbarkeit war ein wichtiger Bestandteil der beiden historischen OG-Titel bei The International 2018 und 2019. Topson gewann beide Turniere und erreichte 2024 mit Tundra Esports noch einmal Rang drei.
Das eigentliche Problem für LGD ist deshalb weniger Topsons individuelle Qualität.
Es ist die Vorbereitung.
Das Team hatte nur wenige Tage Zeit, sich auf einen neuen Midlaner einzustellen.
Kommunikation könnte für LGD entscheidend werden
dyrachyo sieht deshalb die Abstimmung im Team als größte Herausforderung.
Topson muss sich nicht nur an neue Mitspieler gewöhnen. LGD muss gleichzeitig seine Drafts, Ressourcenverteilung und Kommunikation anpassen.
Ein weiterer Faktor ist die Sprache.
Sollte die Verständigung im Team nicht funktionieren, hilft auch die Erfahrung eines zweifachen TI-Champions nur begrenzt.
Trotzdem glaubt dyrachyo, dass LGD bei einer schnellen Integration durchaus unter die besten sechs Teams kommen könnte.
Bei TaiLung findet dyrachyo deutlich härtere Worte
Wesentlich weniger Verständnis zeigt der frühere Gaimin-Gladiators-Spieler für TaiLung.
Der erst 17 Jahre alte Spieler galt als großes Talent.
Dass seine Karriere nun wegen eines Competitive-Integrity-Verstoßes einen solchen Rückschlag bekommt, hält dyrachyo für besonders schwer nachvollziehbar.
Er machte gleichzeitig deutlich, dass Match-Fixing beziehungsweise Manipulation für ihn im professionellen Esport keinen Platz hat.
Wettbewerbe müssten davon leben, dass Spieler tatsächlich versuchen zu gewinnen.
Gerade deshalb führt die TaiLung-Geschichte direkt zu einem anderen Thema, das dyrachyo deutlich stärker beschäftigt: Wo kommen eigentlich die nächsten Topspieler her?
„Neue Spieler tauchen einfach nicht auf“
Hier wird das Interview interessanter als eine gewöhnliche TI-Prognose.
dyrachyo sieht ein strukturelles Nachwuchsproblem im Dota-2-Esport.
Seiner Ansicht nach verändern sich zwar Teams und Organisationen, die Namen innerhalb der Roster bleiben jedoch auffällig häufig dieselben.
Er beschreibt sinngemäß ein System, in dem bekannte Profis von Mannschaft zu Mannschaft wechseln, während nur sehr wenige komplett neue Spieler bis auf Tier-1-Niveau durchbrechen.
Damit unterscheide sich Dota 2 beispielsweise von Counter-Strike.
dyrachyo nennt MOUZ als Gegenbeispiel aus Counter-Strike
Als Kontrast verweist er auf Nachwuchsmodelle aus CS.
Organisationen wie MOUZ konnten über Akademiestrukturen junge Spieler entwickeln und anschließend ins professionelle Spitzenniveau bringen.
Genau solche sichtbaren Aufstiegswege fehlen ihm aktuell in Dota 2.
Natürlich gibt es weiterhin junge Dota-Spieler.
dyrachyos Kritik zielt vielmehr darauf ab, wie wenige davon dauerhaft in den absoluten Tier-1-Rostern landen.
Das ist für einen Esport langfristig relevant.
Eine stabile Profiszene benötigt nicht nur Zuschauer und Turniere, sondern auch einen kontinuierlichen Strom neuer Spieler, Persönlichkeiten und Geschichten.
Besonders China bereitet ihm Sorgen
Noch deutlicher sieht dyrachyo das Problem in China.
Dort würden zahlreiche bekannte Spieler seit sehr langer Zeit dieselben Plätze innerhalb der professionellen Szene besetzen.
Teams verändern ihre Roster, aber häufig wechseln etablierte Profis lediglich zwischen verschiedenen Organisationen.
Dass The International 2026 ausgerechnet in Shanghai stattfindet, macht die Situation besonders interessant.
China besitzt eine der traditionsreichsten Dota-Szenen überhaupt.
Organisationen und Spieler aus der Region prägten über Jahre die Geschichte von The International.
Die jüngeren internationalen Ergebnisse waren dagegen deutlich wechselhafter.
Ame bleibt für dyrachyo einer der Spieler, die TI besonders machen
Einen chinesischen Spieler hob dyrachyo trotzdem ausdrücklich hervor:
Wang „Ame“ Chunyu.
Der langjährige Carry von Xtreme Gaming gehört für ihn weiterhin zu den Spielern, deren Auftritte ein großes Turnier sehenswert machen können.
Die Erwartung ist dabei erstaunlich simpel: Er möchte Ame wieder auf seinem besten Niveau sehen.
Xtreme Gaming ist eines der sieben Teams, die Valve direkt zu TI 2026 eingeladen hat.
Für chinesische Dota-Fans wäre ein tiefer Run auf heimischem Boden entsprechend eines der größten möglichen Turniergeschichten.
The International ist zurück in Shanghai
TI 2026 läuft vom 13. bis 23. August in Shanghai.
Die ersten vier Tage bestehen aus einer Swiss-Stage mit 16 Teams.
Danach bleiben acht Mannschaften übrig, die vom 20. bis 23. August im Oriental Sports Center um den Aegis spielen.
Shanghai richtet The International damit zum zweiten Mal aus.
Schon 2019 fand das Turnier dort statt – damals gewann OG mit Topson seinen zweiten Titel in Folge.
Dass derselbe Spieler sieben Jahre später kurzfristig für LGD zurückkehrt, gehört bereits jetzt zu den ungewöhnlichsten Geschichten des diesjährigen Events.
„Hoffnung, aber keine Erwartungen“
dyrachyos Haltung zu TI 2026 ist am Ende deutlich zurückhaltender als seine Favoritenliste zunächst vermuten lässt.
Er erwartet keinen sicheren Klassiker und keinen garantierten spektakulären Turnierverlauf.
Die Meta habe sich nach dem Esports World Cup nicht grundlegend verändert, und viele Teams kennen sich entsprechend gut.
Trotzdem hofft er auf starke Matches und Überraschungen.
Sein deutlich interessanterer Punkt betrifft ohnehin die Zeit nach TI.
Team Falcons, Yandex, PARIVISION, Liquid und Spirit können 2026 um den Aegis kämpfen. Aber wenn die professionelle Dota-Szene langfristig immer wieder dieselben Namen recycelt und nur wenige junge Spieler nachkommen, stellt sich irgendwann eine viel größere Frage als die nach dem nächsten TI-Sieger.
The International 2026 kann in Shanghai erneut zeigen, wie spektakulär Dota 2 auf höchstem Niveau sein kann. dyrachyos Kritik erinnert aber daran, dass eine traditionsreiche Profiszene nicht allein von ihren Veteranen leben kann – irgendwann muss die nächste Generation nachrücken.

