Die Gefahren des frühen Einstiegs in einen neuen Esport

Jedes Mal, wenn ein neuer vielversprechender Esport die Bühne betritt, beginnt das Rennen darum, welches Team sich so schnell wie möglich die besten Spieler sichern kann. Doch ist das unbedingt die beste Idee?

Gerade in den ersten Monaten sind solche neuen Esport-Szenen besonders instabil. Wie viele von den Overwatch-Spielern und -Teams, die beim ersten offiziellen Event im TakeTV in Krefeld teilgenommen haben, waren ein halbes Jahr später noch relevant? Die Antwort auf diese Frage sollte die CEOs der Teams eigentlich in Sorge versetzen. Doch allzu oft ignorieren sie die Gefahren und steigen so früh wie möglich mit einem Team ein, das sie für wenig Geld verpflichtet haben und von dem sie glauben, dass es bald die Weltspitze erklimmen wird. Monate später müssen sie dann (zumindest sich selbst) eingestehen, dass die ganze Aktion verschwendetes Geld war. Dann müssen sie den Stecker ziehen und das Projekt von vorne beginnen.

Kein Esport verdeutlicht das besser als VALORANT. Technisch gesehen gab es für diesen Titel noch kein einziges vom Entwickler veranstaltetes Event. Die IGNITION Series Turniere wurden von Dritt-Veranstaltern organisiert und sollten einen Vorgeschmack bieten. Trotzdem sind die Organisationen wie hungrige Hunde auf die Spieler gesprungen, die gerade erst seit Monaten oder vielleicht nur Wochen in VALORANT aktiv waren. Die Orgas können sich zwar damit rühmen, Früheinsteiger zu sein, doch nur in den seltensten Fällen zahlt sich so etwas aus.

Genau aus diesem Grund haben Fnatic angekündigt, mit ihrem VALORANT-Einstieg bis 2021 zu warten. Sie wollen die Szene sondieren und schauen, wie sich der Esport entwickelt. Sicherlich wird es dann teurer für sie, ein gutes Team zu formen, doch wenigstens laufen sie jetzt nicht Gefahr, ihr Geld rauszuschmeißen. Denn ihre Chancen, in diesem Moment ein starkes und zukünftsfähiges Lineup zu verpflichten, sind verschwindend gering.

EIN VERFRÜHTER EINSTIEG KANN ZU PROBLEMEN FÜHREN

Selbstverständlich haben Organisationen die Möglichkeit, ihre bestehenden Spieler zu schmeißen und durch ein vollständig neues Lineup zu ersetzen. Auf diesem Weg haben beispielsweise 100 Thieves ihren neuen Roster konstruiert. Erst einmal mussten alle Spieler bis auf Spencer “Hiko” Martin gehen. Doch so ein Schritt ist brutal und hat weitreichende (wenn nicht sogar teure) Konsequenzen. Das gilt insbesonders wenn die Verträge der Spieler noch nicht ausgelaufen sind.

Das zeigt sich am Beispiel von den Ninjas in Pyjamas. Im April verpflichteten sie ihr erstes Lineup, lange bevor es überhaupt ein offizielles Turnier zu dem Spiel gab. Das Team war relativ erfolglos und konnte definitiv nicht den Erwartungen entsprechen. Danach wurden die Spieler schnell durch ein neues Team ersetzt. Seit Juni wurden eine Vielzahl von Änderungen am Roster vorgenommen. Der Erfolg setzte nicht ein, und so wurde wieder an dem Lineup rumgeschraubt. Warum dieser Ansatz keine guten Resultate liefert, zeigte sich nun während der First Strike Qualifier.

Die Ninjas in Pyjamas sind nicht durchgekommen. Gut, in den ersten Playoffs mussten sie gegen G2 Esports antreten – so ein Match durften sie durchaus verlieren. Doch im zweiten Qualifier traten sie gegen die Purple Cobras an, ein organisationsloses Team. Sie verloren eine 8-13 Map und hatten somit keine Chance, sich noch für das First Strike Event zu qualifizieren. Die Purple Cobras sind hingegen durch.

Während Organisationen wie Giants, BIG, PENTA, Movistar und eSuba in den Qualifiern gescheitert sind, hat die Hälfte der Spieler im europäischen First Strike Event keine Organisation hinter sich. Ihre Teamnamen und -logos sehen vielleicht nett aus, doch dahinter verbirgt sich keine Struktur und, viel wichtiger, kein Geld. Die Ninjas in Pyjamas könnten also buchstäblich ihren Roster feuern und ohne Kosten durch ein Lineup ersetzen, das bereits einen Spot im First Strike Event besitzt.

G2 UND LIQUID SIND POSITIV-BEISPIELE

Der frühe Einstieg kann sich jedoch auch auszahlen. G2 Esports dominieren den europäischen VALORANT-Esport. Obwohl First Strike das erste von RIOT selber veranstaltete Event sein wird, haben G2 bereits ein Vermächtnis aufgebaut. Die ersten Monate des Spiels waren ihre Ära und Óscar “mixwell” Cañellas hat jedes einzelne IGNITION Series Event gewonnen. Damit steht ihnen ein Platz in den Geschichtsbüchern zu. Doch alles hätte anders verlaufen können, wenn Carlos “Ocelote” Rodriguez ein paar andere Spieler verpflichtet hätte – und es gab durchaus gute Gründe, in andere Richtungen zu schauen. Genau dort liegt das Problem mit dem frühen Einstieg in einen kompetitiven Titel.

DIE PROBLEME DES ‘EARLY-ADOPTINGS’ IM ESPORT

Als G2 Esports, die Ninjas in Pyjamas oder Team Liquid in VALORANT eingestiegen sind, war das Spiel noch nicht ausgereift und die Szene war in konstantem Wandel. Das gleiche gilt auch heute noch, ein halbes Jahr nach dem offiziellen Release des Spiels. Ein Team kann in der frühen Phase der Szene einen Trick oder eine Strategie finden, die die Spieler zu Stars beflügelt und ihnen reihenweise Trophäen verschafft. Dieser Vorteil kann eine Woche später aber schon wieder verflogen sein, wenn andere Teams den Trick lernen oder neue Taktiken entwickeln.

Die Counter-Strike-Szene ist genau deswegen so konsistent, weil der Titel so umfangreich analysiert und abgesteckt ist. Es kann kaum passieren, dass ein Team das Spiel ‘revolutioniert’ und alles altbekannte über den Haufen wirft. Wenn so etwas doch einmal passiert, wie im Falle von Luminosity Gaming oder Astralis, dann steht meistens eine Ära der Dominanz bevor.

Nur ein Bruchteil von dem, was in VALORANT möglich ist, wurde bislang entdeckt und im kompetitiven Bereich verwendet – so viel ist sicher. Das Spiel ist zu komplex, bietet zu viele verschiedene Möglichkeiten, um so schnell verstanden zu werden. Was heute funktioniert kann morgen schon obsolet sein. Das gleiche gilt also auch für die Spieler und ihre Ansätze. Es gibt keine Garantie dafür, dass ein Spieler in einigen Monaten (oder sogar nur Wochen) noch zu den Besten dises Esports gehört.

Aus diesem Grund mag es vielleicht doch eine gute Idee sein, mit dem Einstieg in diesen jungen Titel zu warten. Sollten fnatic sich entscheiden, jetzt ein Team zu verpflichten, dann gehen sie eine große Wette ein – eine Wette darauf, wie G2 Esports auf Gold zu stoßen. Sie könnten aber, genau wie NiP, BIG, Giants oder Movistar, außerhalb des First Strike Events landen und sich fragen, warum sie nicht die freien Spieler verpflichtet sollten, die es zu diesem Event geschafft haben.

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