In vier Monaten vergibt die Branche wieder ihre wichtigsten Preise. Ein Rückblick auf den Rekordabend 2025, eine Bestandsaufnahme des bisherigen Spielejahres – und die Frage, ob ein einziger Titel die gesamte Verleihung überschattet.
Am 10. Dezember läuft die dreizehnte Ausgabe der Game Awards aus dem Peacock Theater in Los Angeles. Geoff Keighley hat den Termin Anfang August noch einmal bekräftigt, Tickets sollen ab Ende Oktober erhältlich sein. Alles Weitere – Nominierte, Auftritte, Präsentatoren – hält die Produktion wie üblich zurück. Was sich trotzdem bereits abschätzen lässt: welche Spiele überhaupt infrage kommen, wie sich das Format entwickelt hat und warum ausgerechnet dieses Jahr eine strukturelle Besonderheit mitbringt.
Der Abend, an dem ein Debütspiel alles gewann
Um zu verstehen, was 2026 auf dem Spiel steht, hilft ein Blick auf die vorherige Ausgabe. Der 11. Dezember 2025 gehörte einem einzigen Titel: Clair Obscur: Expedition 33 vom französischen Studio Sandfall Interactive ging mit zwölf Nominierungen in den Abend und gewann neun Preise – Rekord in der Geschichte der Veranstaltung. Darunter waren sämtliche prestigeträchtigen Kategorien: Game of the Year, Beste Spielleitung, Bestes Erzählen, Beste künstlerische Leitung, Beste Musik, Bestes Rollenspiel und die Darstellerauszeichnung für Jennifer English.
Bemerkenswert war weniger die Menge als die Herkunft. Ein Erstlingswerk eines kleinen Teams schlug Death Stranding 2, Donkey Kong Bananza, Kingdom Come: Deliverance 2, Hades 2 und Hollow Knight: Silksong – und gewann parallel die Kategorien für unabhängige Spiele. Ein Debüttitel als Game of the Year hatte es in dieser Form zuvor nicht gegeben. Nur zwei Preise entgingen Sandfall: Battlefield 6 holte die Auszeichnung für Audiodesign, den öffentlich abgestimmten Players‘ Voice Award gewann das chinesische Wuthering Waves.
| Kategorie | Gewinner 2025 |
|---|---|
| Game of the Year | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Beste Spielleitung | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Bestes Erzählen | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Beste künstlerische Leitung | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Beste Musik | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Bestes Rollenspiel | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Bestes unabhängiges Spiel | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Bestes Debüt-Indiespiel | Clair Obscur: Expedition 33 |
| Beste darstellerische Leistung | Jennifer English |
| Bestes Audiodesign | Battlefield 6 |
| Bestes Actionspiel | Hades 2 |
| Bestes Action-Adventure | Hollow Knight: Silksong |
| Bestes Sport-/Rennspiel | Mario Kart World |
| Bestes Simulations-/Strategiespiel | Final Fantasy Tactics – The Ivalice Chronicles |
| Bestes Kampfspiel | Fatal Fury: City of the Wolves |
| Bestes Mehrspielerspiel | ARC Raiders |
| Bestes Familienspiel | Donkey Kong Bananza |
| Bestes Mobilspiel | Umamusume: Pretty Derby |
| Bestes VR-/AR-Spiel | The Midnight Walk |
| Games for Impact | South of Midnight |
| Beste Adaption | The Last of Us, Staffel 2 |
| Players‘ Voice | Wuthering Waves |
Ein Jahr ohne klaren Favoriten – bisher
2026 hat sich bis jetzt anders entwickelt. Die Branche hat viele gute Spiele hervorgebracht, aber wenige herausragende. Zur Jahresmitte kam die Wertungsdatenbank Metacritic zu dem Befund, dass die Neunzigerregion ungewöhnlich dünn besetzt ist, während sich zwischen achtzig und neunzig Punkten außergewöhnlich viel drängt.
An der Spitze steht mit Forza Horizon 6 ein Titel, der im Mai erschien und den Ruf der Reihe bestätigt hat. Dahinter reihen sich Pokémon Pokopia, Resident Evil Requiem, Mixtape, Saros, Nioh 3 und 007 First Light ein. Ende Mai kam mit Mina the Hollower vom Shovel-Knight-Studio Yacht Club Games ein Achtungserfolg dazu, Anfang August übernahm das Koop-Abenteuer Big Walk die Spitze der Jahreswertung – ein Zwanzig-Dollar-Spiel, das die teuren Produktionen des Jahres in den Kritiken hinter sich lässt.
Das ist ein interessantes Muster. Es erinnert an 2025, als ebenfalls ein vergleichsweise kleines Projekt die Kategorien dominierte. Sollte die Jury dieser Linie treu bleiben, hätten Titel wie Big Walk oder Mina the Hollower reelle Chancen, zumindest in den Indie- und Erzählkategorien.
Der Herbst entscheidet alles
Die eigentliche Rechnung steht allerdings noch aus, denn die schwersten Kaliber des Jahres sind erst im Anmarsch. Am 15. September erscheint Marvel’s Wolverine von Insomniac Games, Sonys wichtigster Titel des Herbstes und ein Kandidat, der bei entsprechender Qualität in mehreren Kategorien mitspielen dürfte.
Und dann ist da Grand Theft Auto 6, das nach zwei Verschiebungen am 19. November erscheint. Kein Spiel wird die Debatte um die diesjährigen Preise stärker prägen – wobei die spannende Frage nicht lautet, ob es gewinnt, sondern ob es überhaupt zur Wahl steht.
Der offizielle Stichtag der Game Awards ist üblicherweise der dritte Freitag im November, 2026 also der 20. Rockstars Termin läge damit einen Tag davor und formal im Fenster. Der Engpass liegt woanders: Die rund hundert stimmberechtigten Medien und Creator geben ihre Nominierungsstimmen deutlich früher ab, im Vorjahr bereits am 4. November. Wer bis dahin kein Rezensionsexemplar erhalten hat, kann für einen Titel schlicht nicht stimmen – und Rockstar gilt nicht als Publisher, der große Spiele weit im Voraus an die Presse gibt.
Damit sind zwei Szenarien denkbar. Entweder passt die Veranstaltung ihre Fristen für diesen Sonderfall an, was bislang weder angekündigt noch ausgeschlossen ist. Oder GTA 6 erscheint 2026, wird aber erst 2027 zur Abstimmung gestellt. Kurios wäre Letzteres allemal: Das Spiel hat den Publikumspreis für den am meisten erwarteten Titel bereits zweimal gewonnen, jeweils dank einer Verschiebung.
Vom Fachpreis zur Unterhaltungsshow
Unabhängig von den Trophäen hat sich das Format in den vergangenen Jahren erkennbar verschoben. Die Ausgabe 2025 erreichte weltweit rund 171 Millionen Streams und war damit die meistgesehene überhaupt – ein Zuwachs gegenüber 154 Millionen im Vorjahr. Erkauft wird diese Reichweite mit einem Programm, das immer weniger einer Preisverleihung und immer mehr einer Fernsehshow ähnelt.
2025 traten die Muppets auf, es gab Werbematerial zum Street-Fighter-Film, dazu die WWE-Stars Cody Rhodes und Roman Reigns. Dass Serien- und Filmadaptionen inzwischen einen eigenen Preis haben und HBOs The Last of Us diesen gewann, passt ins Bild. Die Veranstaltung öffnet sich einem Publikum, das nicht primär wegen der Auszeichnungen einschaltet.
Kritik daran gibt es regelmäßig, und sie ist nachvollziehbar: Wer in einer dreistündigen Sendung zwei Dutzend Preise vergeben will und gleichzeitig Ankündigungen, Trailer und musikalische Einlagen unterbringt, drängt viele Gewinner in die Vorshow oder auf wenige Sekunden Bühnenzeit. Andererseits sorgt genau dieses Format dafür, dass unabhängige Studios überhaupt vor einem Millionenpublikum stehen – Sandfall Interactive dürfte das nicht anders sehen.
Woran sich der Erfolg messen lassen wird
Für die Enthüllungen gilt weiterhin: Die Game Awards sind der wichtigste Termin des Jahres außerhalb der Sommermonate. Die Ausgabe 2025 brachte unter anderem ein neues Mega-Man-Spiel, mehrere Tomb-Raider-Projekte und Lego Batman: Legacy of the Dark Knight hervor. Für 2026 hat die Produktion bislang nichts kommuniziert.
Drei Dinge werden den Abend prägen. Erstens die Frage, ob sich ein Titel als klarer Sieger herauskristallisiert oder ob die Preise erstmals seit Jahren breit gestreut werden – das mittelmäßig verdichtete Wertungsbild spricht eher für Letzteres. Zweitens der Umgang mit GTA 6, der zum Präzedenzfall für künftige Grenzfälle werden dürfte. Und drittens, ob Marvel’s Wolverine liefert, denn Sony hätte sonst ein Jahr ohne ernsthaften Kandidaten in den Hauptkategorien.
Die Nominierungsliste dürfte Mitte November erscheinen. Bis dahin bleibt das Feld offen – ungewöhnlich offen für ein Jahr, das eigentlich von einem einzigen Spiel dominiert werden sollte.

