Ein wiederentdecktes Magazin-Interview aus dem Jahr 2004 fördert eine der kuriosesten Supportgeschichten der Nintendo-Historie zutage. Der ehemalige Game Counselor Rick Sandbom berichtete damals in der August-Ausgabe von Electronic Gaming Monthly von einer Beschwerde, die so häufig einging, dass Nintendo eine eigene Seite in der internen Datenbank dafür anlegte.
Der Auslöser: der Gyroid vor dem Haus jeder Spielerin und jedes Spielers im ersten Animal Crossing für den GameCube. Sinngemäß schilderte Sandbom, man habe viele wütende Anrufe zu dem Spiel bekommen — ein hautfarbener Hydrant im Spiel habe für Aufregung bei Eltern gesorgt, die darin etwas eindeutig Anatomisches erkannt hätten.
Entdeckt hat den Auszug der Spielehistoriker Sasha’s Retrobytes, GamesRadar hat ihn anschließend verifiziert.
Warum ausgerechnet dieses Objekt
Der Gyroid war 2002 nicht irgendeine Dekoration, sondern funktional zentral. Wer das Spiel beenden wollte, ohne beim nächsten Start von Signor Resetti zusammengefaltet zu werden, musste vorher speichern — und dafür sprach man mit genau diesem Gyroid vor der eigenen Haustür.
Jedes Kind hatte also mehrmals täglich mit dem Objekt zu tun, entsprechend häufig sahen Eltern beim Vorbeigehen genau diese Szene. Dazu kommen zwei technische Umstände: Der Gyroid wippt beim Ansprechen, und auf einem Röhrenfernseher der frühen 2000er war ein kleines hautfarbenes Objekt in Bewegung deutlich weniger klar erkennbar als auf einem heutigen Bildschirm.
Sandbom selbst hat diese Anrufe übrigens nie entgegengenommen. Nach eigener Aussage wartete er täglich darauf, doch die Gespräche wurden grundsätzlich an erfahrene Kräfte der Hotline weitergeleitet.
Was ein Gyroid tatsächlich ist
Die Ironie der Sache liegt in der Vorlage. Gyroiden sind Haniwa nachempfunden — Tonfiguren aus der japanischen Kofun-Zeit, die man mit Verstorbenen bestattete. Sie sollten die Seelen der Toten bewahren und schützen. In der japanischen Fassung des Spiels heißen sie schlicht Haniwa.
Was in Nordamerika für obszön gehalten wurde, ist im Ursprung also eine Grabbeigabe. Ob Nintendo das den Anrufenden am Telefon so erklärt hat, ist nicht überliefert — der Wortlaut der offiziellen Antwort ist nicht bekannt. Man darf allerdings bezweifeln, dass „das ist eine Totenfigur“ die Gemüter nachhaltig beruhigt hätte.
Wie die Sache endete
Die Beschwerdewelle verlief sich mit der Zeit und war spätestens zum Erscheinen von Animal Crossing: Wild World für den Nintendo DS kein Thema mehr. Bemerkenswert ist allerdings ein Detail, das die Nacherzählungen meist auslassen: Nintendo hat das Aussehen des Gyroiden in späteren Teilen verändert und ihm einen Bauhelm verpasst.
Ob das eine direkte Reaktion auf die Anrufe war, hat das Unternehmen nie bestätigt. Der zeitliche Zusammenhang ist trotzdem auffällig, und ein Helm löst das Problem auf denkbar pragmatische Weise — er bricht die Silhouette.
Was die Geschichte über Videospiel-Empörung erzählt
Aus heutiger Sicht wirkt der Vorgang absurd, und genau darin liegt sein Reiz. Animal Crossing ist inzwischen der Inbegriff des harmlosen Spiels, samt Eiscreme-Kooperationen und gemütlichen Inselupdates. Dass ausgerechnet dessen Vorgänger eine Support-Hotline blockierte, weil eine Tonfigur missverstanden wurde, passt in kein aktuelles Bild der Reihe.
Gleichzeitig ist das Muster vertraut. Anfang der 2000er standen Videospiele unter Dauerbeobachtung, und Eltern, die ein Medium nicht kannten, suchten im Zweifel nach Belegen für ihren Verdacht. Wer mit dieser Erwartung auf ein wippendes, hautfarbenes Objekt vor einem Kinderzimmer-Fernseher blickt, sieht eben, was er zu sehen erwartet.
Nintendo geht mit heiklen Animal-Crossing-Themen inzwischen deutlich entspannter um — auch wenn es Grenzen gibt. In diesem Jahr legte das Unternehmen eine von Spielern betriebene Insel mit Inhalten für Erwachsene still, die zuvor fünf Jahre lang unbehelligt existiert hatte. Ein Gyroid mit Bauhelm bleibt dagegen unbeanstandet.

