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fabio | Dezember 30, 2020

CS:GO: Die größten Enttäuschungen des Jahres 2020

Nachdem wir uns nun schon mit den besten Counter-Strike Spielern des Jahres und einer Zusammenfassung des Jahres beschäftigt haben, wollen wir uns nun auch einmal den Tiefpunkten widmen. Nicht alles in diesem Jahr ist rund gelaufen – auch wenn einiges davon der Coronavirus-Pandemie geschuldet ist.

DAS FPX-DESASTER

Beinahe hätten Casper “cadiaN” Møller das Heroic-Banner niedergelegt. Im frühen März wurde bekannt, dass die legendäre League of Legends Organisation FunPlus Phoenix an einem Kauf der Dänen interessiert sei, um ein Lineup für die kommende Flashpoint-Saison aufzustellen. Alles sah großartig aus und die Spieler waren bereits in den Vereinigten Staaten angekommen. Doch plötzlich fiel die Abmachung unter den Tisch. Wie konnte es dazu kommen?

In der letzten Minute bekam Patrick “es3tag” Hansen ein Angebot von Astralis, das er nicht ignorieren konnte. Er sprang vom FPX-Transfer ab und beschloss, die verbleibende Vertragszeit bei Heroic auszusitzen. Damit setzte er eine Lawine von Konsequenzen ins Rollen, denn ohne ihn waren FunPlus nicht mehr an dem Team interessiert. Aus dem Transfer wurde nichts, die Spieler mussten aus Nordamerika abreisen und verloren ihren Platz in der Flashpoint-Liga. Die Teilnahme an der ESL Pro League hatten sie ebenfalls verpasst. So standen sie mit einem unvollständigen Roster und keinerlei Turnieren da.

Es begann eine intensive Aufbauphase. Marco “Snappi” Pfeiffer wurde auf die Ersatzbank verfrachtet. Dafür kamen René “TeSeS” Madsen von den Copenhagen Flames und Nikolaj “niko” Kristensen von OpTic in den Roster. Nicolai “HUNDEN” Petersen wurde als Coach verpflichtet. In umfangreichen Twitter-Videos ließ cadiaN sich über die Situation aus. Er gab es3tag keine Schuld, denn für seine Karriere war das der einzig richtige Weg. Nichtsdestotrotz fühlten cadiaN und seine Teamkollegen sich betrogen.

EIN LICHTBLICK FÜR HEROIC

Doch war das alles wirklich so eine große Tragödie? Auf der einen Seite hat diese turbulente Zeit selbstverständlich an cadiaN und Co. genagt. Sie brauchten Monate, um sich wieder aufzurichten und fanden sich außerhalb der Flashpoint-Liga wieder, für die sie sich eigentlich schon vorbereitet hatten. Doch im August klickte es endlich und die Dänen zogen in das Finale der ESL One Cologne 2020. Mit dem einseitigen Sieg gegen Vitality schrieben sie dort Geschichte und kündigten sich als Top-Team an. Später holten sie noch die DreamHack Open Fall an Land, in der sie wieder das Finale gegen Team Vitality gewinnen konnten. Niemand kann wirklich wissen, ob das auch bei FPX geschehen wäre. Für die Jungs ist also doch noch einmal alles gut gelaufen – doch kann man das gleiche auch über es3tag sagen?

Foto via @AstralisCS

DER KURZE AUFSTIEG VON ES3TAG

Schaut man sich die Resultate am Ende des Jahres an, so stehen die Heroic-Jungs besser da als es3tag. Der Däne hat ebenfalls ein turbulentes 2020 hinter sich, doch für ihn gibt es kein Licht am Ende des Tunnels. Sein neues Team, Cloud9, tut sich unheimlich schwer, den Erwartungen gerecht zu werden. Doch das Jahr begann anders, denn während seines Aufenthaltes bei Astralis tat der Däne sich als ein Top-Talent hervor.

Nachdem er seinen Vertrag bei Heroic ausgesessen hatte, begab es3tag sich endlich zu Astralis. Auf ein paar schwache Performances folgte auch schon die Sommerpause. Diese nutzte das Team, um sich endlich eine strategische Tiefe zu erarbeiten. Mit der Rückkehr von Lukas “gla1ve” Rossander aus seiner gesundheitsbedingten Pause lief es auch sofort besser. Während der ESL Pro League Season 12 spielte es3tag zu Höchstform auf und wurde einer der relevantesten Spieler auf dem dänischen Roster.

DER ‘COLOSSUS’

Doch er blieb nicht lange bei Astralis. Als Cloud9 mit dem Angebot kamen, ihn zu einem Stammspieler in ihren Riesenprojekt zu machen, konnte er schlecht nein sagen. Er gab seine Position als Ersatzspieler bei den Dänen auf und wechselte zum ‘Colossus’. Diese Entscheidung fiel ihm sicherlich schwer, schließlich sind Astralis eine legendäre Organisation, die auch weiterhin Ambitionen und Chancen auf die Weltspitze hat. Die Erfolgschancen des Cloud9-Rosters waren damals noch nicht abzusehen, doch ihn lockten die Stabilität und die Möglichkeit, einen Posten als Star-Spieler zu erhalten.

Im Nachhinein ist es immer leichter, zu urteilen, doch diese Entscheidung könnte ein großer Fehler gewesen sein. Denn leider lieferte der ‘Colossus’, anders als der ‘Juggernaut’ von Complexity, ein schändliches Debüt ab. Danach konnten die Spieler zwar ein paar wenige Matches gewinnen, doch sie sind den Erwartungen nicht ansatzweise gerecht geworden. Nun hat sich sogar schon der Coach verabschiedet, nachdem er und der Shotcaller, Alex “ALEX” McMeekin, scheinbar nicht mehr übereinkommen konnten. Cloud9 erwecken den Eindruck, dass sie für ihr Langzeit-Projekt möglicherweise die falsche Gruppe an Spielern zusammengebracht haben. Sollte dies der Fall sein, so könnte dem Karriere-Hoch von es3tag unter Astralis nun eine lange Phase der Stagnierung folgen.

DER COACHING-BUG

37 Coaches wurden von der Esports Integrity Coalition (ESIC) für mehrere Monate gesperrt. Der Umfang dieses Skandals ist kaum zu erfassen. Nach der ESL One Cologne wurde bekannt, dass scheinbar seit dem Release von CS:GO ein Bug existiere, der es Coaches erlaube, in eine freie Kamera zu wechseln – und davon hätten einige Individuen Gebrauch gemacht. Mit dieser Ankündigung wurden bereits 3 Sperrungen verkündet: Ricardo “dead” Sinigaglia, Aleksandr Anatolyevich “MechanoGun” Bogatyrev, und HUNDEN. Letzterer kam als größter Schock, denn Heroic hatten mit ihm nur wenige Tage zuvor die ESL One Cologne EU gewonnen. Glücklicherweise versicherten uns die Administratoren hinter dieser Untersuchung, dass der Bug bereits vor dem Turnier behoben worden war.

Nichtsdestotrotz waren die Konsequenzen verheerend. Eine größer angelegte Untersuchung ermittelte 37 Coaches, die sich in unterschiedlichem Ausmaß dieses Bugs bedient hatten. MechanoGun wurde nun für ganze 36 Monate gesperrt und HUNDEN bleibt ganze 8 Monate dem Server fern. Sergey “starix” Ischuk, der zuvor noch Robin “flusha” Rönnquist des Cheatens beschuldigt hatte, wurde ironischerweise selber überführt. Zusammen mit Coaches wie Slaava “Twista” Räsänen, Faruk “pita” Pita und Nicholas “guerri” Nogueira muss er nun eine mehrmonatige Strafe verdauen.

DER NIEDERGANG DES NA CS

Doch sogar dieser unglaubliche Skandal kann nicht mit dem mithalten, was momentan in Nordamerika passiert. Eine unendlich lange Liste von Spielern hat sich aus Counter-Strike verabschiedet. Viele wollen ihr Glück nun in VALORANT versuchen, wo die besten Teams großteilig aus Ex-CS-Profis bestehen. Während in Europa weitestgehend alte Veteranen wie Adil “ScreaM” Benrlitom den Wechsel gewagt haben, so trifft es in Nordamerika alle Ebenen der Szene. Mit Joshua “steel” Nissan und Nick “nitr0” Canella sind Top-Spieler übergewechselt und hinterlassen ein Vakuum in der Szene. Es gibt auch kaum noch Nachwuchs-Talente. Angehende Stars wie Nathan “leaf” Orf, Sam “s0m” Oh oder Matthew “Wardell” Yu sind nun ebenfalls weg.

Was bleibt übrig? Abgesehen von Team Liquid und den Evil Geniuses hat NA CS praktisch nichts mehr zu bieten. Die Pandemie hat viele Organisationen gezwungen, ihre Teams aufzulösen. Veranstalter wie ESL, DreamHack oder BLAST haben sich nicht um die Szene geschert und haben sie über fast ein ganzes Jahr hinweg langsam absterben lassen. Außerhalb der Top 3 gibt es dort nichts zu holen und so werden in der Zukunft nur wenige Organisationen überhaupt versuchen, dort ein Team zu sponsern. Legendäre Marken wie Cloud9, Complexity, oder sogar Team Envy, setzten nun weitestgehend auf europäisches Talent. Die wenigen vielversprechenden Spieler Nordamerikas ziehen sie mit in diese Projekte. Was passiert nun, wenn Liquid oder EG einen neuen Spieler benötigen?

Im Falle von Team Liquid wird auf brasilianisches Talent gesetzt. Russel “Twistzz” VanDulken hat sich vom Lineup verabschiedet und wird Gerüchten zufolge von Gabriel “Fallen” Toledo ersetzt. Auch wenn sich die Verpflichtung eines brasilianischen Spielers erst einmal ungewöhnlich anhört, so ist der Grund dafür schnell gefunden. Das Team benötigt einen In-Game-Leader, doch ohne Pujan “FNS” Mehta, steel, nitr0 und Damian “daps” Steele in der Szene sind die Optionen limitiert.

WIRD 2021 BESSER WERDEN?

Cloud9 sind nun auf der Suche nach einem neuen Coach. Henry “HenryG” Greer hat aber bereits eingeräumt, dass ihre Möglichkeiten aufgrund der ganzen Sperrungen wohl begrenzt sein werden. Für ALEX und Co. bietet die Winterpause die Chance, endlich auf die Füße zu kommen und mit einem strategischeren Spiel aufzuwarten. Genug Talent hat das Lineup definitiv, es muss nur vernünftig genutzt werden.

Auch wenn das kommende Jahr nicht unbedingt mit Offline-Turnieren beginnen wird, so sind Studio-Events definitiv auf dem Plan. ESL haben angekündigt, ein Hilfsprogramm für nordamerikanisches Counter-Strike aufzubauen. Auch wenn das mehr als ein halbes Jahr zu spät kommt, so kann auf diesem Wege möglicherweise verhindert werden, dass noch mehr Talent abwandert.

Viel ist im vergangenen Jahr passiert – und nur ein Teil davon war negativ. Astralis, Natus Vincere, Heroic, und allen voran Team Vitality, haben sich ganz weit vorne etabliert und bewiesen, dass Counter-Strike sich auch nicht von einer weltweiten Pandemie kleinkriegen lässt. Es wird besonders spannend, diese Teams im kommenden Jahr zu verfolgen. Werden sie sich auch an der Spitze halten können, wenn die Offline-Events zurückkehren?