Zum Inhalt springen
DE LIVE
Aktuelle News

Blizzard: 1.900 Beschäftigte setzen ersten Tarifvertrag durch

Jonas Teichmann
Jonas Teichmann Chefredakteur & Esports-Experte

Rund 1.900 Beschäftigte von Blizzard Entertainment haben ihren ersten Tarifvertrag mit Microsoft ratifiziert. Vorausgegangen waren zwei Jahre Verhandlungen. Vertreten wurden sie von der Gewerkschaft Communications Workers of America.

Der Abschluss gilt als einer der größten gewerkschaftlichen Erfolge in der Geschichte der Spielebranche. Bekannt gegeben wurde er am 9. September, wenige Tage vor der BlizzCon.

Wer betroffen ist

Der Vertrag deckt sämtliche gewerkschaftlich vertretenen Bereiche ab, nicht nur einzelne Teams. Dazu zählen World of Warcraft, die Qualitätssicherung, Hearthstone und Warcraft Rumble, Overwatch, Diablo sowie die Abteilungen für Plattform und Technologie und für Story- und Franchise-Entwicklung.

Nebenbei wurde die Struktur vereinfacht. Die zuvor zahlreichen kleinen Gewerkschaftseinheiten bei Blizzard sind zu drei Verhandlungsgruppen zusammengefasst worden: eine für World of Warcraft, Qualitätssicherung und Hearthstone, eine für Plattform, Technologie, Kundenbetreuung, Lokalisierung sowie Story- und Franchise-Entwicklung, und eine dritte für Diablo und Overwatch gemeinsam.

Das Rückrufrecht ist der eigentliche Durchbruch

In der Berichterstattung stehen meist die Lohnerhöhungen oben. Der bemerkenswerteste Punkt ist ein anderer.

Wer entlassen wird, erhält für 14 Monate ab dem Datum der Entlassungsankündigung das Recht, auf passende offene Stellen in sämtlichen erfassten Bereichen zurückgerufen zu werden. Die Gewerkschaft bezeichnet das als Branchenpremiere, und diese Einordnung erscheint plausibel.

Praktisch bedeutet es: Ein entlassener Mitarbeiter steht nicht auf demselben Stapel wie externe Bewerber, sondern hat über mehr als ein Jahr hinweg Vorrang. In einer Branche, in der Studios in Wellen abbauen und ein halbes Jahr später wieder einstellen, ist das ein erheblicher Unterschied.

Dazu kommen vier zusätzliche Wochen Abfindung für alle gewerkschaftlich vertretenen Beschäftigten, unabhängig von der Betriebszugehörigkeit.

Was der Vertrag sonst enthält

BereichRegelung
Vergütunggarantierte Lohnerhöhungen
ArbeitsortHybridmodell mit drei Bürotagen, keine einseitige Änderung möglich
KündigungsschutzJust-Cause-Prinzip, Kündigung nur bei nachweisbarem Grund
Beschwerdenformalisiertes Verfahren
BarrierefreiheitRegelungen für Fernarbeit und Behinderung
Künstliche IntelligenzVerhandlungspflicht vor dem Einsatz

Der KI-Punkt ist präziser, als er in vielen Meldungen dargestellt wird. Der Vertrag verbietet den Einsatz generativer Systeme nicht. Er verpflichtet Microsoft dazu, deren Verwendung am Arbeitsplatz zu erörtern, zu bewerten und darüber zu verhandeln. Jobs dürfen also nicht ohne vorherige Verhandlung durch Automatisierung ersetzt werden.

Das ist weniger als ein Verbot, aber deutlich mehr als der Zustand in praktisch jedem anderen großen Studio.

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert

Der Abschluss fällt in eine Phase, in der Microsoft in die andere Richtung arbeitet. Der Konzern hat angekündigt, bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres 3.200 Stellen im Xbox-Bereich zu streichen, beginnend mit tiefen Einschnitten bei ZeniMax Online Studios, id Software und Obsidian. Es wären die fünften größeren Entlassungen innerhalb kurzer Zeit.

Gleichzeitig haben CWA-Gewerkschaften in den USA und Kanada rechtliche Schritte gegen Microsoft eingeleitet, weil frühere Entlassungen aus ihrer Sicht falsch abgewickelt wurden.

Blizzard-Präsidentin Johanna Faries bezeichnete die Ratifizierung in einer Stellungnahme als bedeutenden Meilenstein und verwies auf das gemeinsame Engagement für Teams und Spieler.

Wie es dazu kam

Der Weg begann mit einer Zusage. Als Microsoft Activision Blizzard übernahm, unterzeichnete der Konzern eine Neutralitätsvereinbarung und verpflichtete sich, gewerkschaftliche Organisierung nicht zu bekämpfen.

Ganz reibungslos verlief es trotzdem nicht. Bei ZeniMax legten Beschäftigte im vergangenen Jahr für einen Tag die Arbeit nieder und stimmten später mit großer Mehrheit für eine Streikermächtigung, weil die Verhandlungen über Fernarbeit und Vergütung nicht vorankamen. Deren Vertrag kam schließlich im Juni 2025 zustande, jener der Qualitätssicherung bei Raven Software nach drei Jahren.

Inzwischen zählt die CWA nach eigenen Angaben mehr als 2.000 Microsoft-Beschäftigte aus dem Spielebereich zu ihren Mitgliedern.

Warum das über Blizzard hinausreicht

Bei aller Größe des Abschlusses gilt eine Einschränkung: Er betrifft ausschließlich Beschäftigte in den Vereinigten Staaten. Für deutsche Entwickler ändert sich unmittelbar nichts, zumal hier ohnehin ein anderes Arbeitsrecht gilt.

Die Signalwirkung ist trotzdem erheblich. Über Jahre galt gewerkschaftliche Organisierung in der Spielebranche als Randerscheinung, die an der Projektstruktur und der hohen Fluktuation scheitert. Ein Vertrag für 1.900 Menschen bei einem der bekanntesten Studios der Welt widerlegt das.

Und er kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Argumente dafür kaum stärker sein könnten. Erst diese Woche wurde bekannt, dass Bit Reactor rund 80 Prozent der Belegschaft unbezahlt beurlaubte, bevor Star Wars Zero Company zum Steam-Bestseller wurde. Ein Rückrufrecht über 14 Monate hätte für diese Menschen einen konkreten Unterschied gemacht.

Für dich ausgewählt

Das könnte dich auch interessieren

Jonas Teichmann

Über den Autor

Jonas Teichmann

Jonas Teichmann ist Texter und E-Sport-Redakteur bei Fragster.de. In seinen Artikeln verbindet er aktuelle News mit klarer Einordnung und einem Blick für die Details, die in der Szene wirklich zählen. Ob CS2, League of Legends oder die großen internationalen Turniere: Jonas bereitet Themen so auf, dass sowohl eingefleischte Fans als auch Neueinsteiger schnell den Überblick bekommen. Sein Fokus liegt auf verständlicher Sprache, sauberer Struktur und dem Anspruch, Entwicklungen nicht nur zu melden, sondern auch nachvollziehbar zu erklären. Dabei greift er Trends, Meta-Änderungen und Teamdynamiken genauso auf wie relevante Hintergrundgeschichten.

Alle Artikel ansehen →
Gerade veröffentlicht

Neueste News

Alle ansehen →