Clair Obscur: Expedition 33 hat über acht Millionen Exemplare verkauft und damit bewiesen, dass ein mittelgroßes Team einen Welterfolg landen kann. Bei den Publishern hat das offenbar wenig verändert.
Radek Ratusznik, Spieldirektor beim polnischen Studio One More Level, hat gegenüber GamesIndustry.biz auf der Gamescom erklärt, warum. Sein Studio hat den Prozess gerade selbst durchgemacht, und zwar auf die unangenehme Weise.
Ein Erfolg reicht nicht
Ratusznik beschreibt die Haltung der Branche ungeschönt. Trotz des enormen Erfolgs von Clair Obscur halte man das AA-Segment weiterhin für riskant. Man brauche vermutlich noch einige weitere Erfolge dieser Art, um das Gegenteil zu beweisen. Ein Expedition 33 sei möglicherweise nicht genug.
Dabei fehle es nicht an Studios, die dazu in der Lage wären. Es gebe zahlreiche Unternehmen, die sehr gute Titel im AA-Umfang liefern könnten, ohne Hunderte Millionen auszugeben.
Eine Einschränkung macht er ausdrücklich: Mit heutiger Technik lasse sich schneller und etwas günstiger arbeiten, aber ein Spiel in einem Jahr ohne Probleme zu bauen, sei nicht möglich.
Was One More Level selbst durchgemacht hat
Und hier wird das Interview interessant, weil Ratusznik nicht theoretisch spricht.
Das Studio hatte für sein kommendes Spiel Valor Mortis ursprünglich bei Private Division unterschrieben. Als Take-Two das Label zurückfuhr, platzte die Vereinbarung. Man erwog eine Veröffentlichung in Eigenregie, kam aber zu dem Schluss, für die angestrebte Qualität einen Publisher zu brauchen.
Es folgte eine Phase ohne Finanzierung. Das Team umfasste damals rund 40 bis 50 Menschen, und One More Level hielt es aus eigenen Rücklagen zusammen.
Ratusznik nennt das einen Vertrauenssprung: Man sei davon ausgegangen, die Finanzierung zu finden, und das Team sei es wert gewesen. Ein funktionierendes Team aufzubauen sei sehr schwer, es zu zerstören sehr leicht.
Fündig wurde das Studio schließlich bei Lyrical Games, einem Publishing-Ableger einer Filmfirma. Inzwischen beschäftigt One More Level über 70 Menschen, wobei ein Teil an einem weiteren, noch nicht angekündigten Projekt arbeitet.
Warum das ein bemerkenswerter Satz ist
Diese Passage steht in bemerkenswertem Kontrast zu dem, was wir diese Woche sonst berichtet haben.
Bit Reactor beurlaubte kurz vor der Veröffentlichung von Star Wars Zero Company rund 80 Prozent der Belegschaft unbezahlt, aus Sorge um die Verkaufszahlen. Das Spiel wurde anschließend zum Steam-Bestseller. Don’t Nod hat eine Fortführungswarnung ausgesprochen und streicht bis zu 90 Stellen.
One More Level hat in derselben Lage das Gegenteil getan und die Belegschaft aus eigenen Mitteln gehalten. Ob das die klügere Entscheidung war, entscheidet sich erst im Oktober. Bemerkenswert ist sie in jedem Fall.
Wer One More Level ist
Das Studio arbeitet seit zwölf Jahren im AA-Bereich und hat sich einen Ruf für Produktionswerte erarbeitet, die an AAA-Titel heranreichen.
Bekannt wurde es 2020 mit Ghostrunner, einem Cyberpunk-Actionspiel, das nach Schätzungen von Video Game Insights rund 5,6 Millionen Exemplare verkaufte. 2023 folgte ein Nachfolger.
Valor Mortis ist ein Souls-like aus der Ich-Perspektive und erscheint am 13. Oktober 2026 für PC, PlayStation 5 sowie Xbox Series X und S. Schauplatz ist eine Alternativfassung der napoleonischen Zeit mit Horror- und Fantasyelementen, ergänzt um Mutationen. Ratusznik begründet die Wahl damit, eine Epoche gesucht zu haben, die noch nicht überstrapaziert ist.
Was zwischen Indie und Blockbuster liegt
Der Kern des Problems lässt sich nüchtern benennen. Zwischen kleinen Indie-Projekten und Produktionen im dreistelligen Millionenbereich existiert ein Segment, das nachweislich funktioniert, aber schwer zu finanzieren ist.
Clair Obscur hat gezeigt, dass dort Welterfolge möglich sind. Was es nicht gezeigt hat, ist, dass sie planbar sind. Genau darauf schauen Investoren, und ein einzelner Ausreißer taugt schlecht als Beleg für eine Regel.
Ob Valor Mortis der zweite Beweis wird, entscheidet sich in vier Wochen. Sollte es funktionieren, dürfte Ratusznik seinen Punkt gemacht haben. Sollte es nicht funktionieren, wäre das ein weiteres Argument für die Vorsicht, die er kritisiert.

