Dota 2 ist wahrscheinlich das eSport-Spiel des Jahres 2012. In Dota 2 entstehen derzeit die meisten neuen Ligen und Turniere, mehr und mehr Spieler steigen auf das Livestreaming auf und die Zuschauerzahlen steigen. Für uns Deutsche ungewohnt: Die ESL beteiligt sich nicht, und das absichtlich. Turtle ist trotzdem mit von der Partie.
Im August 2011 war plötzlich Dotalicious mit einem Stand mitten in der ESL Arena auf der gamescom vertreten. Auf Nachfragen erfuhren wir damals, dass Dotalicious vor allem wegen des angeblich besten DotA-Matchmakings gekauft wurde. Wie nun immer klarer wird, wird diese Technik bis auf weiteres nicht für die ESL genutzt, um zum Beispiel Versus zu verbessern. Viel eher nimmt Turtle Entertainment Dotalicious als eigenständige Community ernst und baut das Produkt weiter aus.
Dotalicious ist DotA-Matchmaking
Dotalicious, eine vor allem von Emmeran und Aussie aus Nürnberg und Malmö betriebene DotA-Community und Matchmaking-Webseite, hat im wesentlichen zwei Errungenschaften. Zum einen hat Emmeran eine gute Software geschrieben, die mit der entsprechenden Infrastruktur gutes Matchmaking und lagfreie Spiele erlaubt. Der dafür notwendige Client übernimmt dabei alles Lästige und Nützliche: Hosting, Pickstats-Archivierung, Pregamelobby und vieles mehr. Zum anderen haben sie es durch cheatfreieres Spielen als auf Garena und speziell nach dem Wegfall der Dotaleague zur angesagtesten Matchmaking-Plattform gebracht, die die besten DotA-Spieler in einer Community vereinigt.
Turtle hat also im vergangenen Jahr die beiden Hauptakteure von Dotalicious als Mitarbeiter angestellt, um ihr Projekt zu unterstützen und ihnen vor allem beim Ausbau der Serverinfrastruktur zu helfen. Emmeran ist Physikstudent, kein IT-Experte. Ihm wurde geholfen, Skalierungsprobleme der Webseite und der Server zu beheben. Vor allem in den USA und in 2012 verstärkt auch in Asien kauft Dotalicious mit Turtle-Geld Server, um die Community weiter wachsen zu lassen. Denn das ist, wo die ESL tatsächlich herankommen wollte: Die DotA-Community. Der ESL-Name war mit stümperhaften Versuchen, in den DotA-Markt vorzudringen, zu sehr ramponiert, deswegen soll Dotalicious auch gar nicht mit der ESL in Verbindung gebracht werden.
Ralf Reichert wollte Dotalicious haben
Doch nun steht Dota 2 vor der Tür und auch Dotalicious muss den Übergang zum Valve-Spiel irgendwie organisieren. Und vor allem Geld verdienen. Ralf Reichert hatte als Turtle-Geschäftsführer und Dotalicious-Anhänger massiven Einfluss auf die Kooperation. Sein Profil auf Dotalicious weist beispielsweise bereits mehr als 500 Spiele vor. Auf Dauer wird Turtle jedoch nicht nur als Gönner dastehen wollen, jedenfalls nicht mit rasch steigenden Serverkosten.
In Dota 2 jedoch ist nicht Turtle, sondern Freaks4U der Vorreiter in der Szene. Die Berliner bieten das Komplettpaket: Eine gute Szene-Seite, den besten englischsprachigen Kommentator, und auf Wunsch sogar selbst vermarktete Online-Turniere. Freaks4U hat bei myStarcraft bereits mit Khaldor und Mori ein englisch-deutsches Shoutcaster-Paket, mit dem sie ihre beiden größten Zielgruppen abgrasen können. Vom Dota 2-Branchenprimus joinDOTA hat Freaks4U das Paket kopiert und neben TobiWanKenobi mit NiceTry einen deutschen Caster engagiert. Speziell TobiWan als australischer, vollkommen verrückter, aber erfolgreicher Caster mit kongenialen Co-Kommentatoren lässt die Reichweite von joinDOTA explodieren.
joinDOTA als Vorbild
In Köln hat man für Dotalicious bei F4U gelernt. Auch Dotalicious wird für Dota 2 auf Unterhaltung getrimmt, denn mit Matchmaking und Community allein lässt sich in Dota 2 nicht viel Geld verdienen. Streams sind das Mittel der Stunde. Deswegen wurde Aussie in Malmö die gleiche Technik wie im ESL TV Studio 2 zur Verfügung gestellt. Mit neuen leistungsstarken Rechnern und besserem Sound-Equipment wird nun die Dota 2-Talkrunde 'Meeting of the Ancients' mit namhaften Dota-Spielern veranstaltet. DIe zweite Episode lässt im Moment jedoch noch auf sich warten.
Turtle will Freaks4U offenbar durch die DotA-Community überholen. joinDOTA musste bei Null anfangen und hat seine Bekanntheit vor allem dem Schachzug des Berlin-Umzugs von TobiWanKenobi zu verdanken. Bei Turtle stehen mehrere zehntausend User bereits hinter den Dotalicious-Gründern und schenken ihnen ihre Sympatien. Der ESL bleibt parallel nur ein zweifelhafter Versuch, mit Versus ein Alternativ-Matchmaking aufzubauen, für die Neulinge in der Action-RTS-Welt. Trotz intensiver Marketingbemühungen der verantwortlichen Mitarbeiterin bisher ohne nennenswerten Erfolg.
Turtle beweist Mut für Experimente
Von daher bedeutet es immer viel Fingerspitzengefühl, Offenheit und Direktheit, wenn zwei Firmen so direkt miteinander konkurrierende Spiele haben. Das ist nicht einfach, aber das machen wir lang genug, das können wir sehr gut – es ist also nichts Neues.
Letztlich ist Dotalicious aus Turtle-Sicht ein doppeltes Experiment. Turtle hat noch nie ernsthaft ein Ligaprodukt komplett außerhalb der ESL aufgebaut und vermarktet. Sollte sich Dotalicious durch Streams und Dota 2-Events gut vermarkten lassen, könnte dies neue Geschäftsfelder für Turtle Entertainment eröffnen. Zum anderen hat Turtle bisher stets bei neuen eSport-Spielen zumindest versucht, innerhalb der ESL eine Community aufzubauen. Bei Dota 2 werden es die Kölner durch das Ablehnen der EPS und das nicht mal in Betracht ziehen der IEM nicht ernsthaft probieren – auch um keinen Konflikt mit Riot oder Valve zu riskieren. LoL in der ESL, Dota 2 bei Dotalicious. Das ist das Experiment von Turtle und letztlich auch das Experiment von Ralf Reichert. Ergebnis: noch offen.








