fragster: Joe Miller ist nun bei uns im Interview. Hey Joe, wie gefällt Dir das Turnier bisher?
Joe 'Joe' Miller: Bisher eigentlich sehr gut. Ich hatte leider bisher keine Zeit, richtig League of Legends zu kommentieren, sondern letztendlich nur ein Match, nämlich ein Viertelfinale gestern. Ich muss mich halt vor allem auf Counter-Strike konzentieren, da wir nur Redeye und mich haben und vielleicht lurppis, wenn er Zeit hat. Aber bisher ist das Counter-Strike-Turnier in der Gruppenphase eines der besten Turniere, die ich je gesehen hab. Beide Gruppen waren sehr knapp und dicht beieinander. Beide Entscheidungen in den Gruppen wurden erst auf der allerletzten und entscheidenden Map gefällt, also ist alles richtig gut bisher.
Was war für Dich bisher die größte Überraschung, beziehungsweise die größte Enttäuschung?
Joe: Das ist eine schwere Frage, weil die Gruppen in Counter-Strike fast Überraschungen parat hatten und dann am Ende doch so ausgegangen sind, wie man es im Vorfeld erwarten konnte. In League of Legends würde ich TSM sagen, da sie es nicht aus der Gruppenhase geschafft hat. Im Vorfeld hat das Team noch gesagt, dass man sich gut vorbereitet habe und daher war dieses Ergebnis schon eine große Überraschung und eine große Enttäuschung zugleich. Ich hätte TSM gerne in den Playoffs gesehen.
Du hattest erwähnt, dass Du auch League of Legends kommentiert hast – zwar nur ein Spiel, aber immerhin. Welches Spiel ist für Dich schwerer zu kommentieren? Counter-Strike oder League of Legends?
Joe: Ohne Zweifel League of Legends! Ich kommentiere Counter-Strike schon seit Ewigkeiten und kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann ich damit angefangen habe. Mit League of Legends ist das was anderes. Man kann sich nicht einfach hinsetzen und sofort anfangen zu kommentieren. Als Gegenbeispiel: Wenn du in Counter-Strike einigermaßen gut spielen kannt, kannst du dich einfach hinsetzen und Counter-Strike auch kommentieren. Du kennst zwar nicht jede Einzelheit oder jede Strategie, aber du kannst es einigermaßen gut über die Bühne bringen. In League of Legends muss man einfach so viel mehr wissen. Es gibt im Moment 94 Helden, wenn man Fiora mitzählt, also 93 auf unserem aktuellen Turnier-Patch. Jeder dieser Helden hat eine große Anzahl von unterschiedlichen Fähigkeiten, unterschiedliche Helden können unterschiedliche Dinge machen. Man muss für League of Legends einfach eine Menge lernen, auch was die Kamera angeht. Am Anfang hatte ich echt Probleme damit, da ich vom FPS-Kommentieren komme. Man klickt dort einfach auf die rechte Maustaste und sieht die Action. In League of Legends muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und nahezu unausweichlich wird man manchmal auch einige Aktionen verpassen. Daher ist League of Legends deutlich schwerer.
Lass uns ein wenig über Counter-Strike 1.6 sprechen. Wie lange denkst Du, wird es sich auf großen Events wie den IEM halten?
Joe: Ich mache mir ehrlich gesagt einige Sorgen, dass das hier letzte große Turnier für Couter-Strike 1.6 ist. Eine Sache ist mir heute jedoch aufgefallen und zwar – und ich werde auch dafür sorgen, dass jeder, der irgendetwas in der ESL zu sagen hat, davon erfährt – dass beim letzten Halbfinalspiel in Counter-Strike 1.6 mehr Zuschauer auf dem Stream waren als bei Starcraft 2. Für mich ist das großartig, dass die Community so hinter ihrem Spiel steht. Natürlich bekommst du auch Posts wie: "OMG ich will HLTV haben" – Natürlich würden wir gerne HLTV anbieten, aber auf der anderen Seite wird dadurch kein Einkommen für Intel oder die anderen großen Sponsoren der Intel Extreme Masters generiert. Und es ist einfach ein Fakt, dass, wenn wir mehr Counter-Strike-Turniere haben wollen, wir uns an die Streams gewöhnen und damit klarkommen müssen, dass die Sponsoren ihr reingestecktes Geld wieder rausbekommen wollen.
Wie es bei anderen großen Turnieren wie den WCG oder der ESWC aussieht und ob und wann dort Counter-Strike gestrichen wird, kann ich nicht sagen. Ich denke aber, es wird so im Sommer losgehen, wenn die Intel Extreme Masters in die nächste Saison starten. Ich kann es nicht mit Bestimmtheit und für andere sagen, aber ich mache mir Sorge um Counter-Strike 1.6 nach diesem Event.
Alle Counter-Strike Bilder der Intel Extreme Masters World Championship Season 6
Alle Counter-Strike Bilder der Intel Extreme Masters World Championship Season 6 in Hannover.
Was ist Deine Meinung zu Source und Global Offensive?
Joe: Wenn ich mir mein Steam-Profil so anschaue, spiele ich 1.6 am meisten. Ich denke, ich habe da ungefähr 1.000 Stunden mehr Spielzeit als bei Source. Also kann ich für mich sagen, dass ich 1.6 besser finde als Source und ich mag es auch lieber, 1.6 zu gucken anstatt Source. Diese Vorliebe hängt auch nicht nur am Spiel selbst, sondern an den Teams. Das Spiel und die Teams, die es spielen, haben solch eine große Tradition aufgebaut. Die Geschichte der Teams ist einfach viel reichhaltiger. 1.6-Teams haben auch eine größere Fanbasis als die Teams von Source, was das Ganze noch attraktiver macht. Im Bezug auf CS:GO kann ich nur sagen, dass ich sehr viel gespielt hab und auch sehr viel Feedback an Valve weitergegeben habe. Ich habe denen gesagt, was ich als Kommentator gerne von Anfang an im Spiel implementiert haben möchte. Ob sie nun auf das eingehen oder nicht, muss man abwarten. Aber die Zeichen, die von Valve kommen, sind zumindest schon mal positiv. So konnte man auf dem Twitter-Account der CS:GO-Entwickler sogar Hinweise zu den Intel Extreme Masters und anderen 1.6-Aktivitäten lesen, was für mich bedeutet, dass Valve endlich zuhört. Damit könnte CS:GO doch noch ein sehr gutes Spiel werden.
Hast Du das Gefühl, dass es einen Abwärtstrend für Shooter gibt, wohingegen RTS- und MOBA-Spiele wie Starcraft 2, League of Legends und Dota eher den Nerv der Zeit treffen?
Joe: Das Problem ist, dass League of Legends mit seinem "Free to Play" gezeigt hat, welchen Weg man einschlagen sollte. Die Entwickler können immer noch eine Menge Geld mit Ingame-Artikeln verdienen und mit dem "Free to Play"-Ansatz bekommt man direkt nach dem Release eine große Spielerschar zusammen. Und die ist manchmal erforderlich, um Turniere auszuspielen.
Was das Vereinfachen der Spiele angeht, da bin ich mir nicht so sicher. Es ist schwer, das irgendwo festzumachen, denn wenn man sich zum ersten Mal mit einem neuen Spiel wie CS:GO auseinandersetzt und man vorher nie einen FPS gespielt hat, also entweder Counter-Strike, oder außerhalb der Team-FPS auch Quake, was noch mal in einer ganz anderen Liga spielt, dann ist es schon anspruchsvoll, den Recoil zu lernen, oder das Movement so zu beherrschen wie einige der Topspieler. Das ist der anspruchsvollste Teil dieser Spiele, aber auch genau der Aspekt, mit dem sich Newcomer nicht wirklich beschäftigen.
Wenn man auf einen Source-Server geht, dann sieht man – auch wenn man vorher nie Source gespielt hat – Leute, die eindeutig keinen Plan haben von dem, was sie da machen. Ich hoffe, dass CS:GO mit dem neuen Matchmaking-System, dem Casual- und dem Pro-Mode deutlich zeigt, dass Fünf gegen Fünf einfach die Art und Weise ist, wie das Spiel gespielt werden sollte. Des Weiteren trägt die Promotion über Twitter oder die Steam-eigene Homepage auch dazu bei, neue Spieler langsam auf ein höheres Level zu bringen und sie zum Schauen der Streams zu bewegen. Das ist auch die einzige Möglichkeit, um zu vermeiden, dass wir in zehn Jahren immer noch dieselben Spieler haben, die Turniere gewinnen.
Was denkst Du über Deine eigene Zukunft? Willst Du weitermachen mit dem Kommentieren, oder hast Du schon andere Pläne gefasst?
Joe: Um ehrlich zu sein bin ich gerade ziemlich zufrieden mit dem, was ich mache. Ich möchte nicht allzu viel über meine Zukunft nachdenken, was mir in der Zukunft vielleicht irgendwann mal zum Verhängnis wird, aber das mache ich schon immer so. Ich vermute, das kommt von meinen Eltern: Als ich mit dem Kommentieren angefangen habe, hatte ich die Chance auf die CPL World Tour zu gehen, und das war als meine Eltern sagten: "Weißt du, eigentlich solltest du mal auf die Universität gehen." Ich hatte die Bewerbungen schon verschickt und auch bereits mehrere Angebote von veschiedenen Universitäten, aber dann haben sie gesagt: "Leb dein Leben jetzt und vertraue deinem Gefühl. Wenn das nicht funktioniert, kannst du immer noch etwas anderes machen." Und bisher ist alles gut gelaufen. Mein Ziel ist es, ESL TV weiter voranzutreiben, mich als Kommentator mehr in den Vordergrund zu rücken und im besten Fall hält die Zukunft am Ende mehr Erfolg und mehr Geld bereit. Letzten Endes braucht jeder mehr Geld im späteren Leben, wenn man anfängt, über Haus und Familie nachzudenken. Glücklicherweise bin ich aber noch nicht so alt, um darüber nachdenken zu müssen.
Gibt es noch irgendetwas, dass Du Deinen Fans oder anderen Leuten sagen willst?
Joe: Vielen Dank an alle in der Community, an diesem Wochenende ganz speziell die 1.6-Community. Die Leute waren wirklich eine gute Unterstützung, sei es durch gute Zuschauerzahlen oder Loyalität zu ihrem Spiel. Bleibt weiter am Ball, spielt euer Spiel, schaut euch die Events wie die IEM an. Es frustriert mich, wenn sich die Leute einfach über das, das und das beschweren, ohne richtig nachzudenken, denn wenn wir einige Sachen nicht machen würden, dan hätten wir auch keine 100.000 US-Dollar Preisgeld für dieses Event. Wenn Intel nicht wäre, wo wären wir dann? Was wäre der eSport generell ohne Intel? Also geht hin, kauft Produkte von den Sponsoren, die den eSport unterstützen und sprecht ihnen Dank auf Twitter aus, sodass sie sehen, dass ihr Geld gut investiert ist. Denn sie sind es, die uns die benötigten Geldmittel zur Verfügung stellen.
Danke Joe für das Interview und Viel Glück für Deine weitere Laufbahn.








































