Lasst die Spiele beginnen
Die Viertelfinalspiele in der EPS Spring Season 2012 sollten die ersten sein, die in dem neuen Studio der ESL ausgetragen werden. Schon vor Spielbeginn in Starcraft 2 konnte man aus mehreren Kameraperspektiven einen Blick auf den Bereich werfen, in dem die Spieler die Spiele austragen würden. Zwei Tische, die zusammen etwa einen Halbkreis bildeten, sollten genug Platz für alle Spieler bieten, wobei sich die jeweiligen Kontrahenten immer gegenüber saßen.
Das sah schon relativ ordentlich gemacht aus und eine Überkopfkamera sorgte dafür, dass man den Progamern wortwörtlich über die Schultern gucken konnte. Wie es sich außerdem für Events der ESL gehört, gab es natürlich eine merkliche Verspätung von ca. 30 Minuten, die auch konstant über den Tag hinweg beibehalten und zuweilen noch verlängert wurde. Allerdings wurde man für das Warten auch entschädigt, gab es doch Interviews vor sowie nach den Matches mit den Spielern, weitere Einblicke in die Location, Interviews mit bekannten Persönlichkeiten und auch Gespräche zwischen den Spielen mit der Community oder anderen Anwesenden vor Ort. Insgesamt wirkte das erste iSNG doch sehr community-nah, konnte man doch als User auch Fragen an Pro-Gamer oder Caster stellen sowie Feedback geben, das direkt noch während des iSNG bekanntgegeben hätte werden können.
Das erste Spiel: Protoss gegen Protoss – rine gegen HasuObs
Für viele hatte der mTw-Spieler Christoph 'rine' Müller keine großen Chancen auf den Sieg in seiner Viertelfinalpartie. In einem Best-of-Five musste er sich im Mirror gegen den mousesports-Akteur Dennis 'HasuObs' Schneider behaupten. Dieser ist nicht nur national bekannt und konnte Titel gewinnen, auch international konnte HasuObs zumindest schon einmal auf sich aufmerksam machen. Mehr als 97 Prozent der fragster-User tippten auf ihn als Sieger, doch würde es wirklich so einseitig werden?
Gerade im PvP ist es weitgehend bekannt, dass vieles möglich ist und auch Favoriten über vermeintliche Underdogs stolpern können. So gaben sich beide Protoss-Spieler auch eher zurückhaltend im Vorinterview. Als es dann mit 30-minütiger Verspätung auf Daybreak begann, wurden einige Zuschauer schon überrascht. rine spielte überraschend gierig und startete mit einer relativ frühen Expansion ins Spiel. Die Reaktion von HasuObs war ein schneller Push, den rine aber sehr gut halten und abwehren konnte, sodass er sich einen Vorteil im Spiel verschafft hatte. So musste der Spieler von mousesports viel tun, um noch einmal zurückzukommen. rine behielt die passive Rolle bei und mit einem direkten Angriff hätte HasuObs mit Sicherheit verloren, doch auch das erkannte er. Mit Warpprismen und erstauntlichen Multitasking-Fähigkeiten schaffte er es, bei rine gezielt wichtige Gebäude zu zerstören und ihn zu zwingen, Teile seiner Armee abzuziehen. Kaum geschehen, fand der entscheidende Kampf statt, den HasuObs durch ruhige Nerven und die richtigen Entscheidungen gewinnen konnte. Nach dem ersten Sieg eine geballte Faust von ihm und sichtliche Erleichterung.
Auch die zweite Map, Shakuras Plateau, meinte es gut mit rine, denn auch hier konnte er sich einen Vorteil erspielen, nachdem HasuObs zunächst kleinere Fehler beging und so wieder in einen Rückstand geriet. Mit dem Blink-Upgrade ging es dann für rine in die Mainbase von HasuObs, die Rampe wurde mit einem aus dem Warpprisma herangewarpten Sentry zugemacht, HasuObs musste mitansehen, wie rine große Teile seiner Mainbase zerlegte. Doch das sollte nicht das Ende sein, denn rine zeigte sein Warpprisma zu offensiv und verlor es und mit ihm seinen Sentry, sodass HasuObs den mTw-Spieler aus seiner Base drängen konnte. Im nachfolgenden Kampf vor rines Base gelang HasuObs erneut der Sieg. 2:0, obwohl rine zumindest im zweiten Spiel mehr als deutlich vorne war. Das dritte Spiel konnte HasuObs dann, wie man es von ihm gewohnt ist, souverän und sicher gewinnen. Die Verunsicherung schien sich bei rine breitzumachen, aber HasuObs ließ ihm auch kaum eine Chance, sein Micro war überragend und auch das Positionieren seiner Armee gelang ihm direkt, sodass es am Ende 3:0 für HasuObs hieß, obwohl rine zwei Maps hätte gewinnen können. Im Interview nach dem Match stimmten beide dieser Meinung zu – woran es aber nun lag, dass rine es nicht geschafft hatte, vermochten beide nicht so Recht erklären zu können. Vermutlich lag es an der Nervosität von rine und der Erfahrung sowie der ruhigen Art von HasuObs, dass es für diesen eben am Ende mit 3:0 locker zum Halbfinaleinzug reichte.
Das zweite Spiel: monchi trifft auf DarKFoRcE
Als zweites Spiel stand ein PvZ auf dem Plan: Philipp 'monchi' Simon würde auf Jonathan 'DarKFoRcE' Belke treffen. Auch hier setzten mehr als 90 Prozent der User von fragster auf den Zerg-Spieler. Vor dem Match gab sich monchi auch eher zurückhaltend und in der Rolle des Underdogs, DarKFoRcE machte einen gut gelaunten Eindruck und berichtete mit einem Lächeln im Gesicht, sein ZvP habe sich sehr verbessert und er habe auch fleißig trainiert – monchi sah nicht unbedingt glücklich aus. Die erste Map, Cloud Kingdom, sollte langatmig und relativ langweilig sein.
Beide Spieler schafften es schnell, die 200/200 Supply-Grenze zu erreichen. Beide hatten eine beträchtliche Anzahl an Basen – nach dann mehr als 30 Minuten opferte monchi seine Probes, um eine größere Armee zu haben. DarKFoRcE blieb geduldig und hatte seinen Creep über gut drei Viertel der Map verteilt, sodass er so gut wie alles sehen konnte. Da monchi ein Mutterschiff mit genug Energie für mehrere Vortex-Attacken hatten, konnte DarKFoRcE nur schwer angreifen, aber er profitierte von einem Fehler seines Gegenspielers. Dieser ließ das Mutterschiff ein wenig zu weit nach vorn, DarKFoRcE übernahm es mit Hilfe eines Infestors setzte die Vortex-Attacke gegen den Protoss ein, zerstörte das Mutterschiff und vernichtete die gesamte Protossarmee mit 25 Broodlords und ein paar gut platzierten Fungals. Dem Protoss-Spieler blieb nicht anderes, als "gg" zu schreiben.
Auf der zweiten Map versuchte monchi einen Two Base All-in, der zunächst auch erfolgversprechend aussah, konnte er DarKFoRcE doch auf drei Basen halten. Dieser behielt jedoch die Nerven, die Zeit spielte für ihn und im entscheidenden Kampf traf er ganz simpel die besseren Entscheidungen. monchi spielte sehr aggressiv und versuchte, DarKFoRcE auch mit Hilfe eines "fu" im Chat zu provizieren. Der Alternate-Spieler blieb aber denkbar gelassen, schaffte für sich die optimalen Bedingungen für den letzten entscheidenden Kampf und besiegte monchi abermals. HasuObs, der neben Dennis 'TaKe' Gehlen die Spiele zwischen DarKFoRcE und monchi kommentierte, stellte zutreffend fest, dass monchi sowohl auf der ersten als auch auf der zweiten Map hätte gewinnen können, doch einige Entscheidungen stimmten einfach nicht, sodass die Niederlagen letztendlich auch verdient waren. Auf der dritten Map, Shakuras Plateau, wollte DarKFoRcE dann nicht mehr unnötig lange spielen und konnte gegen einen gierigen monchi nach knapp 10 Minuten mit einem Roach und Ling-Push schnell den 3:0-Gesamtsieg klarmachen. Zweite Partie, zwei Mal siegten die Favoriten, wenn auch teilweise glücklich. Würden die letzten beiden Spiele genauso laufen?
ClouD gegen Socke als absolutes Highlight des ganzen Events?
Im dritten Spiel trafen die zwei Alternate-Spieler Carlo 'ClouD' Gianacco und Giacomo 'Socke' Thüs aufeinander. Socke, mehrfacher sowie aktueller Deutscher Meister, der als haushoher Favorit galt, gab sich im Vorinterview gut gelaunt, doch auch sein Gegner ClouD war wohl gut drauf. So begab man sich alsbald auf die erste Map, Daybreak. Nach sehr gierigem Command Center First-Opening von ClouD folgte ein starker Push von Socke, den ClouD halten und damit seinen Vorteil festigen konnte. Socke blieb aber dran und schloss auch bald in der Eco wieder auf. Insgesamt hatte ClouD die Nase aber doch ein wenig vorn, auch wenn er ein paar kleinere Fehler machte. Als ClouD die dritte Basis von Socke zerstört hatte, war schon klar, dass es nun an Socke lag, das Spiel zu gewinnen. Das wusste ClouD zu verhindern, platzierte er doch gute EMPs und überrannte Socke am Ende mit einer Vielzahl von Bio.
Map Nummer zwei war Entombed Valley und ClouD schien auf ein schnelles Ende aus, spielte er doch eine Art Semi-Three-Rax-All-in, mit dem er versuchte, Socke direkt schnell den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch Socke ließ sich auch davon nicht zu sehr verunsichern und hielt den frühen Push, sodass er vorn war. ClouD hingegen war fleißig, was die Upgrades anging, und war in dieser Hinsicht vorn. Er versuchte auch, sich durch Drops wieder zurück ins Spiel zu bringen, doch Socke hatte seine Augen an vielen Orten und konnte Drops rechtzeitig abfangen, die dann nutzlos waren und ClouD wohl letztlich auch den Sieg kosteten. Ausgleich, der Favorit war wieder da! Früh Druck machen und das Spiel beenden – das schien an diesem Tag das Motto von ClouD zu sein, denn auch auf der nächsten Map, Metropolis, setzte er Socke sehr früh unter Druck, zerstörte seine Natural Expansion und kam so wieder in Führung. Mit Drops und einer bilderbuchmäßigen Vorführung von terranischen Fähigkeiten gelang ClouD dann der schnelle Sieg zum 2:1.
Socke war also wieder in Zugzwang und Antiga Shipyard sollte es richten. Auch hier zeichnete sich ein früher Push von ClouD ab, setzte er doch zu keiner Expansion an. Socke schien normal sein Ding zu spielen, aber gleichzeitig wirkte er nicht ganz präsent. So verlor er früh einen Zealot und zwei Stalker, mit einem Kampf an der Rampe war er gar so beschäftigt, dass er den Helliondrop von ClouD erst sehr spät bemerkte – da hatten sich seine Probes aus der Mainbase bereits zu den Jüngern Aiurs im Nirvana gesellt. Socke versuchte zwar, durch Chronoboosts auf seine Eco zurückzukommen, doch ein gut ausgeführter 1-1-1 Push von ClouD zwangen Socke zu einem "gg" und dem frühen Ausscheiden in dieser EPS-Saison. Der Italiener ClouD schaffte die Sensation, er gewann gegen den haushohen Favoriten und bisherigen Titelanwärter Socke. Auch HasuObs und TaKe waren einigermaßen überrascht.
Nachrücker gegen zweifachen Cupgewinner
Den Abschluss der Partien sollte ein ZvZ zwischen Han 'biGs' Sang Cho und Lukas 'Delphi' Hilgers bilden. biGs galt dabei als Favorit, konnte er doch beide EPS-Cups, an denen er teilnahm, sogar gewinnen. Delphi bekam zwar Hilfe von DarKFoRcE, was dieser während seines Casts mit TaKe wissen ließ, doch auch das sollte nicht helfen. Auf der ersten Map konnte biGs im entscheidenden Kampf mit Fungals gegen Delphi obsiegen. Auch Daybreak sollte Delphi gegen den Schweizer biGs kein Glück bringen. Auch hier wusste der Spieler von mousesports, wie er gewinnen konnte. Die entscheidende Map, Cloud Kingdom, versprach zunächst einen Sieg von Delphi. Dort lag er vorne und konnte mit kleinen aber effektiven Angriffen Schaden anrichten. Mit einem Hin und Her brachte sich biGs in einen Positionsvorteil, den Delphi zu spät erkannte und der ihn am Ende auch den Sieg kostete. Enttäuscht wirkte der Deutsche aber nicht, er schien mit einer Niederlage gerechnet zu haben.
Viel zu erfahren und viel zu sehen
Wie bereits erwähnt, wirkte das neue Studio der ESL sehr ordentlich. Sowohl Gäste als auch Spieler schienen zufrieden. Es gab extra Monitore für die Gäste zum Beobachten der Spiele, eine kleine Bar sorgte für Getränke und auch die Spieler hatten ihren – wenn auch kleinen – Bereich, in dem sie spielten. Zwischen den Matches gab es immer mal wieder Interviews mit alten Hasen im eSport, dem bekannten Readmore-Redakteur Ulrich 'Uli' Schulze und auch anderen bekannten Personen. So interviewte carni viele Leute, sprach aber auch mit den Zuschauern vor Ort, die sich mehr als lobend äußerten.
Spieler und Fans waren von der neuen Location begeistert. Klein, aber fein – das trifft als Beschreibung doch ziemlich gut. Zwar bietet die Location nicht so viel Platz wie die iFNGs, doch auch das iSNG schien völlig ausreichend zu sein. Außerdem bot es mehr Möglichkeiten, mit Pro-Gamern auch einmal privat zu reden oder Leuten wie TaKe näher zu kommen. Dieser sorgte mit jeweils einem Pro-Gamer als Co-Caster für unterhaltsame Spiele und konnte damit teilweise an den Homestory Cup erinnern, wo nur die Spieler selbst kommentierten und selten professionelle Caster. Sowohl monchi als auch HasuObs und DarKFoRcE überzeugten dabei durch eine offene natürliche Art.
So geriet der Samstag zu einem durchaus gelungenen Event, zu dem sich immerhin auch über 3.000 Leute auf dem Stream einfanden. Große Zufriedenheit auf allen Seiten, so schien das erste Feedback zu sein. ESL-Mitarbeiterin Melek 'm3lly' Balgün, die das Feedback der Community regelmäßig bekanntgeben sollte, hatte auch nichts Negatives zu berichten, sondern gab im Gegenteil positives Feedback wieder. So scheint das neue Format der ESL überzeugt zu haben. Wieso auch nicht? Es gab gute Spiele zu sehen, die Spieler konnten teilweise auch andere Spiele kommentieren, die anwesenden Gäste waren bestens versorgt und auch die Leute zu Hause haben viel gesehen und vor allen Dingen viel erfahren. Vielleicht ist es für eine solche Aussage zu früh, doch das neue Format des iSNG scheint genau die Mischung zu sein, die die ESL braucht, um den Balanceakt zwischen Offline-Event (für die Community) und Einsparungen und Effizienz auf anderer Seite erfolgreich absolvieren zu können.




