Für ein LAN-Event nach Frankreich zu fahren, ist nichts Besonderes. In die Ukraine zu fliegen schon eher. Allein die Aussprache der Stadt, in der an diesem Wochenende der DTS-Cup stattfindet, sorgt bei vielen Mitteleuropäern für Stirnrunzeln: Dnjepropetrowsk. Ähnlich fremd wie die drittgrößte Stadt der Ukraine dürfte hiesigen eSport-Fans die CS-Szene in der ehemaligen Teilrepublik der Sowjetunion sein. Mit A-Gaming sieht man zwar regelmäßig einen ukrainischen Vertreter auf internationalen Events, ansonsten ist aber wenig bekannt über die lokale Szene, die Dank der Teilnahme von hoorai am DTS-Cup an diesem Wochenende ausnahmsweise auch im Blickpunkt der deutschen Szene steht.
Überraschend viel Konkurrenz für A-Gaming
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eXplosive-Spieler lmpt (mitte)
"Sie sind natürlich Dauerfavorit", beschreibt Sergey 'lmbt' Bezhanov die Rolle A-Gamings in der ukrainischen CS-Szene. "Aber auch sie können verlieren." Der 20-jährige aus Kiew spielt für eXplosive, einem der fünf oder sechs Teams, die nach seiner Einschätzung zu den besten der Ukraine gehören. Dass das bekannteste ukrainische Team schlagbar ist, zeigte sich zuletzt auf dem
KODE5-Qualifier. "Die Szene in der Ukraine ist auf jeden Fall ausgeglichener, als man als Außenstehender auf den ersten Blick denken könnte", meint auch Lari 'D.Devil' Syrota, Manager von hoorai, der auf Grund seiner ukrainischen Wurzeln ein Kenner der dortigen CS-Szene ist. "Es gibt in der Ukraine so einige Teams, die wirklich ambitioniert sind und viel trainieren", weiß Lari zu berichten, der sich vor einem Jahr im Urlaub auch ein Bild von den überraschend guten Verhältnissen in der Hauptstadt Kiew gemacht hat.
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Typischer Computer Club (Quelle:
www.esl.eu/ua)
Denn auch wenn das ukrainische Internet "wirklich suckt" (O-Ton Sergey), bieten vor allem die vielen Computer-Clubs im ganzen Land gute Möglichkeiten zum Zocken. Ausgestattet mit ordentlicher Gaming-Hardware sind sie der Nabel der ukrainischen eSport-Szene. Kaum eines der ambitionierten CS-Teams, das nicht in den Computer-Clubs trainiert. So auch die Mannschaft von eXplosive: "Etwa drei Mal die Woche treffen wir uns in unserem Kiewer Stammcafe. Dort dürfen wir umsonst trainieren", so Team-Captain Sergey. Ein enormer Vorteil im Vergleich zur gängigen Trainingspraxis etwa in Deutschland. "Das ist schon wirklich gut. Man kann viel besser mit seinen Kollegen kommunizieren und sieht zum Beispiel auf den Monitoren der anderen, was sie machen", erläutert Sergey die Vorzüge des LAN-Cafes. Selbst die Nationalmannschaft bestreitet ihre Begegnungen aus solchen Computer-Clubs. Der Maßstab ist allerdings A-Gaming, die täglich vier bis sechs Stunden trainieren, wie Managerin MIU berichtet. Eine Mischung aus Spaß und Ernsthaftigkeit herrscht in den LAN-Cafes. "Einerseits ging es dort irgendwie familiärer zu als in Deutschland, weil einfach alles im LAN ist und die Spieler sich alle persönlich kennen. Gleichzeitig wirkte die Szene aber durchaus professionell, man hat gemerkt, dass den Spielern eSport wirklich wichtig ist", bestätigt Manager Lari.
Ein wichtiger Pfeiler, der diese LAN-Kultur stützt, sind Turniere und Ligen, wie etwa die EPS Ukraine. Auch auf Grund der schlechten Pings kreierte der Pro Series-Lizenznehmer ProGaming Italia im September 2007 in der Ukraine eine europaweit einmalige EPS. Statt wie in den anderen Nationen üblich werden die Partien nicht über das Internet, sondern offline ausgetragen. In acht verschiedenen Städten spielen insgesamt 54 Teams um den Einzug ins Finale. Zusätzlich findet noch ein separater Qualifier für Teams statt, die keine Möglichkeit haben, in einer der Städte an den Ausscheidungen teilzunehmen. Die Spieler einer Mannschaft kommen daher fast immer aus der selben Stadt. Damit wird in der Ukraine genau das praktiziert, was etwa Teams wie n!faculty mit ihrem Vereinsheim in Deutschland erst noch erreichen wollen. Die Teams besitzen eine regionale Zugehörigkeit - Verdrehte eSport-Welt dank miserabler Internetverbindung. Den enormen Aufwand, der dafür betrieben wird, rechtfertigt David Hiltscher von der ESL mit dem Potenzial, welches die Ukraine bietet: "Die Ukraine ist eines der größten Länder Europas mit einer starken und großen Spielerszene." Ein weiterer Vorteil, der sich aus der Ligastruktur ergibt: Probleme wie Cheating oder Einsatz von Ringern gibt es dank der Offline-Spieltage nicht. Neben der EPS gibt es zusätzlich viele kleinere von den Computer-Clubs organisierte Turniere mit ganz passablen Preisgeldern wie etwa den DTS Cup.
Perspektive Pro-Gamer?
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Erste EPS Finals im Januar 08 (Quelle:
www.esl.eu/ua)
Diese Turniere und Ligen sind auch ein Grund, warum einige Spieler enorm viel Zeit für den eSport aufbringen. Denn das Preisgeld im CS-Bereich kann sich wahrlich sehen lassen. Auf den Finals wurden allein im CS-Bereich mehr als 9.500 Euro ausgeschüttet. Zum Vergleich: Nur in der deutschen Pro Series und der Alpen-EPS gibt es für CS-Spieler im internen Vergleich der EPS-Preisgelder mehr zu gewinnen, wobei sich das Preisgeld in Österreich und der Schweiz sogar nur um ein paar hundert Euro von dem der ukrainischen EPS unterscheidet. Es geht also um etwas. 3.300 Euro für Platz eins sind in einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen nach offiziellen Angaben bei 185 Euro liegt, eine Menge Geld. Zusammen mit anderen Turnieren und Ligen kommt da schon ein nettes Sümmchen zusammen. Vom Gaming alleine könne man trotzdem nicht leben, so Sergey von eXplosive. Dafür gebe es noch zu wenige Geldgeber. "Bei uns ist es schwierig Sponsoren für den eSport zu begeistern." Zwar wird etwa der EPS-Finalteilnehmer DTS von einem großen nationalen Konzern gesponsert, zu dem 14 Firmen und sogar eine eigene Bank gehören. Gerüchten zufolge soll das aber nur daran liegen, dass die Eltern einer der Spieler von DTS zur Führungsebene des Großkonzerns gehören. Wie sehr selbst A-Gaming in der Vergangenheit auf Preisgelder angewiesen war, verdeutlicht folgender Satz von Managerin MIU aus einem Interview zu den Freizeitaktivitäten ihres Teams beim ESWC 2006: "Es ist ganz einfach: kein Sieg, kein Geld, kein Nachtleben." Ganz so schlimm dürfte es heute nicht mehr sein. So bekommen die Spieler von A-Gaming nun sogar Gehalt fürs Spielen. "Bei A-Gaming geht es schon in die Richtung Pro-Gaming.", beschreibt MIU die veränderten Verhältnisse. Damit bleibt A-Gaming jedoch die Ausnahme. Für das Gros der EPS-Teilnehmer bleibt der eSport ein Hobby.
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Das Vorzeigeteam A-Gaming (Quelle:
www.esl.eu/ua)
Die Vorzeichen für eine starke ukrainische eSport-Szene, vor allem in der Disziplin CS, stehen trotzdem nicht schlecht. Mit GameInside.ua hat man nach Aussage von hoorai-Manager Lari sogar ein Szeneportal, das ähnlich hohe Zugriffszahlen hat wie vergleichbare Seiten aus Deutschland. Sollten die Ligen- und Turnierbetreiber ihr Engagement langfristig fortsetzen, könnte sich in der GUS-Nation ein Kreis starker Teams herausbilden. Lari von hoorai findet die Verhältnisse auch jetzt schon ganz passabel: "Ich finde nicht, dass es die eSportler aus der Ukraine, wie sie selber immer meinen, allzu schlecht haben." Eine Hürde ist natürlich die schlechte Internetanbindung, doch Teams wie die Polen von MYM haben in der Vergangenheit bewiesen, dass auch unter diesen widrigen Umständen internationaler Erfolg möglich ist. Der dritte Platz von A-Gaming auf den WCG 2007 ist ein Zeichen für das, was möglich ist. Aber auch vor den anderen ukrainischen Teams sollten sich die internationalen Teilnehmer des DTS Cups in acht nehmen. "Gegen ukrainische Teams im LAN zu spielen, ist hart. Wir treffen nämlich wirklich gut", so Sergey, der mit eXplosive am Wochenende ebenfalls in Dnjepropetrowsk vor Ort ist. "Euer deutsches Team sollte aufpassen."